"Alles echt"

28. Februar 2009, 12:31
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Was im Netz lange verpönt war, bekommt bei Facebook Aufwind: Das neue Bekenntnis zum eigenen Namen und eigenen Bild

In den Neunzigerjahren, als das Internet noch jung war und gemeinhin als Spielwiese der Nerds und Schrulle galt, gedieh im kleinen Österreich ein Parallel-Netzwerk ganz anderer Art, eine Community von Normalos: die legendäre Blackbox.

Schüler, Studenten, Kulturschaffende, Publizisten, Politaktivisten trieben sich mit großem Eifer in ungezählten Foren und Diskussionsgruppen herum. Blackbox-User loggten mit ihren tatsächlichen Namen ein, die Anonymisierung der eigenen Identität war noch kein Thema.

Kultur der Anonymisierung

Dann wuchs das Internet und mit ihm das Bewusstsein über Transparenz und globale Verfügbarkeit persönlicher Biographie-Details. Plötzlich etablierte sich eine weltweite Kultur der Anonymisierung. Gratis-Mailanbieter wie Hotmail oder GMX förderten diesen Trend, Babsi09 und Bussibär76 tauchten unter ihren Adressnamen auch in Netzwerken und Tauschbörsen ein. Die Kultur der Avatarisierung wucherte, Poster gewöhnten sich daran, mitunter mit Dutzenden Identitäten zu jonglieren, das Individuum trat im Internet nur mehr als Maske auf.

Auch literarisch gedachte Plattformen wie Christian Ankowitschs Promi-Histörchentreffpunkt "Höfliche Paparazzi" war von Pseudonymen besiedelt. Medienarbeiter und Literaturaffine gefielen sich darin, als "Alfredo Balsam", "Ebbesand Flutwasser", "Verboten Wolf" oder "Poser Rosenberg" aufzutreten. Das Pesudonym, so die Prämisse, schütze den Poster vor Stalking und dem unlauteren Zugriff von Spammern und Datensammlern.

Wende

Und dann kam Facebook, und hinter seinen Collegemauern wuchs eine neue Kultur der Offenheit. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Bekenntnis zum eigenen Namen und dem wirklichen Bild an der Wende von der Bush'schen Angstepoche zum Obama'schen Zeitalter stattfindet.

Von Tausenden Facebook-Usern sind kaum eine Handvoll mit Maskennamen registriert. Dass sich ein Dutzend Madonna Louise Ciccones und ebenso viele Brad Pitts und Angelina Jolies bei Facebook herumtreiben, liegt in der Natur der Sache, wird aber von den Betreibern als Kollateralschaden gewertet. Promi-Doppelgänger haben in Facebook meist ein kurzes Leben, hohe Schadenersatzforderungen der Betroffenen tun ihr Übriges.

Freizügig

Die Offenheit im Facebook'schen Plauderuniversum gefiel Otto Normalsurfer und Susi Mausklick, sie stellten mehr und mehr Privatbilder ins Netz, dichteten elaborierte Kommentare, beschmissen sich mit Pixelgeschenken und führten stundenlang Dada-Diskussionen über Nichtigkeiten.

Die De-Anonymisierung beim stetig wachsenden und mittlerweile auch auf Deutsch surfenden Facebook stieß auch deshalb schnell auf fruchtbaren Boden, weil sie mit einer wegweisenden Debatte im Web zusammenfiel. Im Frühjahr 2007 hatte ein anonymer Kommentator im Blog der US-Programmiererin Kathy Sierra eine Morddrohung gepostet: "Verpiss dich, du langweilige Schlampe. Ich hoffe, jemand schneidet dir den Hals auf." Schockiert von der Verrohung der Sitten forderte Netz-Guru Tim O'Reilly einen Verhaltenskodex für Blogger - anonyme Kommentare seien zu verbieten. Sein Vorschlag trat eine heftige Diskussion in der Blogosphäre los. Die mündete nicht in einen neuen Netz-Kodex, schärfte aber das Bewusstsein der Netizens um die fragile Stabilität ihrer Diskussionsplattform. User beschäftigten sich mit der Frage, was stärker wiege, freie Meinungsäußerung im Mäntelchen der Anonymität oder der Schutz der Persönlichkeit.

"Nach anonymen Morddrohungen gegen eine Bloggerin ging im Web die Debatte um Meinungsfreiheit und Personenrechte los. Bei Facebook steht man mit seinem guten Namen ein für das, was man dort loswerden will."

Kathy Sierra bewertet ihren Debattenbeitrag über die Blogszene positiv: Sie habe ins Bewusstsein gerufen, wie User auf das Überschreiten von Grenzen reagieren. Für neue Kommunikationsformen im Web, so der Kommentar der Wissenschaft, existierten noch keine neue Formen, User befreiten sich zunehmend von gängigen sozialen Regeln.

Während Blogs als permeabel für Unsitten gelten, stellt sich Facebook als der Planet der friedfertigen Eintracht dar. Die Klarnamen der "Friends" genannten User stehen obsessiver Kommunikationslust keineswegs im Wege.

Facebook ist das beste Beispiel dafür, wie sehr "virtuelles" und "echtes" Leben in einander übergegangen sind.

Kunstgedanke

Auch die Kunst hat Facebook erreicht - und zieht ausgerechnet aus dem Bekenntnis zum Namen ihren Nutzen. Matt Held, Maler aus New York, belebt die großbürgerlich-aristokratische Sehnsucht nach dem gemalten Porträt: Er pinselt aus kleinen Profilfotos von Facebook-Mitgliedern große Gemälde. Der sozialistische Gedanken daran gefällt dem Künstler: "Ich finde, jeder sollte porträtiert werden, unabhängig vom sozialen Status."

Wer bei Held als Facebook-Freund anheuert, erklärt sich mit der künstlerischen Nutzung seines Profilbilds einverstanden. Am 7. März wird Held im Brooklyn Art Museum das erste Mal vor seiner Fangruppe sprechen, online beläuft sich die schon auf fast 2000 Freunde. Eine Handvoll der 200 geplanten Bilder ist mittlerweile fertig und im Web anzusehen: www.portraitpainted.blogspot.com.

Der Nutzen der Nutzer

Welchen Nutzen aber haben die Nutzer von Facebook? Was bindet sie an Facebook und was lässt sie, jegliche Bedenken an die Gläsernheit der eigenen Identität hinter sich lassend, Dinge preisgeben, die sie nicht mal Freunden offenbaren? Soziale Wärme. Der Brennstoff, mit dem Facebook betrieben wird.

Auch die Konkurrenz von Facebook und dem Zwitscher-Netzwerk Twitter hat sich längst und lautlos nivelliert: Findige Programmierer haben Applikationen geschrieben, die jeden Facebook-Eintrag bei Twitter posten und umgekehrt. Das gleichzeitige Leben in beiden Welten, es ist möglich. (Andrea Maria Dusl, DER STANDARD/Rondo)

  • Wer bei Facebook kein Profilfoto hochlädt, erscheint als blau-weißer
Anonymus. Schöner ist's, wenn man sich vom New Yorker Maler Matt Held
ein Gesicht geben lässt, wie hier "Heide" mit Kaugummi.
    foto: matt held/ heldstudios.com, illustration: c. machado-handsur

    Wer bei Facebook kein Profilfoto hochlädt, erscheint als blau-weißer Anonymus. Schöner ist's, wenn man sich vom New Yorker Maler Matt Held ein Gesicht geben lässt, wie hier "Heide" mit Kaugummi.

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