"Da stößt man an Grenzen des Rechtsstaats"

27. Februar 2009, 18:55
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Versuch, tschetschenische Familie bei Graz abzuschieben, eskalierte - Tochter: Vater in Polen in Todesgefahr

Peggau/Graz - Es war noch dunkel, als vier Polizisten Dienstagfrüh ein Flüchtlingsquartier in einer Pension in Peggau bei Graz betraten. Das dort lebende tschetschenische Paar und seine sieben Kinder im Alter von 16, 14, elf, acht, sechs, vier und einem Jahr sollten nach Polen abgeschoben werden. Das zweite Mal seit 2006.

"Asylanten attackieren Polizeibeamte", hieß es in einer Aussendung der Polizei am selben Nachmittag. Doch wer genau von den "Anwesenden" attackierte, blieb offen. Auf Nachfrage des Standard bei der Polizeiinspektion Deutschfeistritz schildert Wolfgang Messner, einer der amtshandelnden Polizisten, den Verlauf des abgebrochenen Abschiebeversuchs. "Die große Tochter hat voll zu schreien begonnen, voll hysterisch. Und dann hat die ganze Familie geschrien, das war ein abgekartetes Spiel", sagt Messner.

Ob er damit auch die ganz kleinen Kinder meint, oder ob diese einfach Angst gehabt haben könnten? "Die Tschetschenen, das ist ein eigener Wesenszweig, auch die Kinder", sagt der Polizist.

Das Mädchen sei dann ins Bad gelaufen, wo eine Schere lag, dann in die Küche, "wo ein Messer bereitgelegt war". Doch man habe verhindert, dass es danach greifen konnte. Sie habe dann ihren Kopf gegen eine Glastüre und in einen Türstock gerammt. Man habe sie festhalten müssen, wobei sie das ganze Haus mit Schreien, "die Polizei schlägt mich", geweckt habe.

Die Mutter brach laut Polizei ohnmächtig zusammen, der Vater wurde festgenommen - er ist seither in Graz in Schubhaft. "Ich sage Ihnen", resümiert der Polizist, "bei solche Amtshandlungen stößt man an die Grenzen des Rechtsstaats."

"Wenn ich Polizei sehe, habe ich Angst", erzählt die 14-jährige Cheda dem Standard. Ihre Geschichte deckt sich mit jener des Polizisten, nur das "abgekartete Spiel" fehlt. "Ich wollte mich selbst töten, damit ich nicht wieder sehen muss, wie die Polizei meinen Vater holt. Die holen die Leute hier gleich wie in unserem Land".

Die Hauptschülerin habe zudem, als sie neun war, mitansehen müssen, wie "mein Onkel und meine Tante von der russischen Polizei getötet worden sind". Als sie am Dienstag in Peggau für ihre Mutter um Hilfe bat, habe man gesagt: "Du bist hier in Österreich, du darfst nicht jederzeit die Rettung holen." Und als man sie festhielt und sie gerufen habe: "Bitte schlagt mich nicht, ich bin noch ein Kind", habe ihr der Beamte geantwortet: "Wir dürfen dich schlagen." Eine bei der Amtshandlung ebenfalls anwesende Polizistin bestreitet, dass diese Worte gefallen sind.

Nach Polen wolle Cheda, die vorerst mit Mutter und Geschwistern in Peggau bleibt, auf keinen Fall. "Dort haben Männer meinem Vater gesagt, sie werden ihn töten." (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 28.2./3.1.2009)

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