Der Mythos Multitasking

9. März 2009, 16:51
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Mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen geht gar nicht, wissen Forscher - Hirn ist heillos überfordert

Telefonieren, die E-Mails im Blick, einen anstehenden Meetingtermin im Hinterkopf und gleichzeitig dem gestikulierenden Kollegen, der nicht warten kann und sofort ein genicktes "Ja" oder geschütteltes "Nein" will, in Schach halten. Multitasking heißt der viel versprechende Anglizismus, der die Fähigkeit mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen beschreibt. Für den durchschnittlichen arbeitenden Menschen nichts Ungewöhnliches und wohl eher die Regel als die Ausnahme. Doch das ständige Wechseln zwischen den Tätigkeiten kann negative Folgen für die Konzentration haben, für Stress sorgen und damit für Überbelastung.

Wie betrunken

Besonders krass scheint die Überforderung im Gehirn in folgendem Beispiel. US-Wissenschafter haben herausgefunden, dass Menschen, die beim Autofahren gleichzeitig telefonieren - auch mit Fernsprecheinrichtung - eine Fahrleistung wie Betrunkene aufweisen. Der Grund: den Autofahrern entgeht eine Menge im peripheren Blickfeld, weil das Gehirn mit etwas anderem beschäftig ist.

Nicht geboren für Multitasking

Ernst Pöppel, einer der führenden deutschen Hirnforscher und Professor für medizinische Psychologie, schreibt in seinem Buch "Zum Entscheiden geboren", dass der Mensch zum richtigen Multitasking naturgemäß gar nicht geboren sei. Die Ausführung mehrerer Dinge sei in ein und demselben Augenblick gar nicht möglich, weil es immer nur einen Bewusstseinsinhalt geben könne. Er verwendet aber den Begriff des „ungleichzeitigen Multitaskings", das allerdings hohe Konzentration erfordert: "So macht man mehrere Dinge gleichzeitig, indem in aufeinanderfolgenden kleinen Zeitfenstern jeweils etwas anderes repräsentiert ist", so Pöppel. Das erfordere allerdings eine Art Logistikleistung des Gehirns, weil man jeweils wieder den "Faden" aufnehmen müsse. Dafür braucht es wiederum ein gutes Zeitmanagement.

Wie mit der Fernbedienung

Das Gehirn löst das Dilemma also so indem es zwischen den einzelnen „tasks" hin und herzappt wie zwischen mehreren Fernsehprogrammen oder aber eine Aufgabe in den Hintergrund treten lässt. Laut Studien hat die permanente Mehrfachbelastung sowohl gesundheitliche als auch ökonomische Folgen. Die Aufmerksamkeit lässt nach, Fehler häufen sich. Laut Schätzungen gehen fast 25 Prozent der Arbeitszeit dadurch verloren.

Laut Forschern der Universität Michigan bilden die gleichzeitig geforderten kognitiven Prozesse Prioritäten unter den Aufgaben heraus und weisen ihnen dementsprechend Gedächtnisressourcen zu. In Experimenten konnten sie nachwiesen, dass Menschen immer dann Zeit verlieren, wenn sie von einer Aufgabe auf die andere umschalten. Die verlorene Zeit wurde länger je komplexer die Aufgaben waren und je unbekannter. Gesundheitlich kann sich die Überbelastung in Schlafstörungen, Kopfschmerzen, hohem Blutdruck oder Depressionen äußern - alles Hinweise auf negativen Di-Stress.

Wie beugt man vor?

Die Regel einfach eins nach dem anderen zu erledigen klingt simpel. Allerdings tickt jeder Mensch und jeder Beruf anders. Es kann schon helfen sich feste Zeiten zur Beantwortung von E-Mails oder für Telefonate einzuplanen um den Arbeitsfluss nicht ständig zu unterbrechen. Für die Klinische und Gesundheitspsychologin und Mindfulnesstrainerin Tanja Wondrak sind aber zwei Dinge besonders wichtig: einerseits die Selbstwahrnehmung und andererseits das Priorisieren von Aufgaben.

"Ganz ohne Verschachteln geht es im Job nun einmal nicht", erklärt Wondrak. "Daher ist es in diesem Tun wichtig auch einmal innezuhalten und zu schauen, wie es einem dabei geht. Habe ich vergessen zu trinken oder brauche ich kurz etwas Bewegung?" Durch individuelles Timemanagement und die Wahrnehmung der eigenen Grenzen könne jeder seinen Weg finden. "Dazu braucht es auch einmal den Mut zur Lücke." Sich Inseln im Berufsalltag zu schaffen sei eine gute Prävention gegen das Ausbrennen. Ein wesentlicher Punkt, gerade für junge Führungskräfte ist auch die Fähigkeit des Delegierens. "Die Auffassung "Nur ich kann" ist der beste Weg zum Burnout", weiß die Psychologin aus Erfahrung. (Marietta Türk, derStandard.at, 9.3.2009)

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    Das menschliche Gehirn kommt mit gleichzeitigen Aufgeben schwer zurecht und macht daher immer irgendwo Abstriche

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