"Die dunklen Seiten des Planeten": Laudatio, Mosaikstein, Spiegel der Geschichte

25. Februar 2009, 18:57
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Walter Kohls Aufzeichnungen über das Leben Rudi Gelbards

"Seit damals weiß ich, oder nehme es zumindest an, dass ein Professor für Ethik sich nicht viel anders verhält als ein Hilfsarbeiter. Da schienen mir die Menschen ganz gleich zu sein." So lautet Rudi Gelbards Konklusio, nachdem er - selbst Internierter - die lebenden Toten eines KZ-Bahntransports erblickte, die in Theresienstadt ankamen. "Wir machen die Türen auf, mindestens die Hälfte war schon tot ... die noch Lebenden waren derart vertiert, dass sie sich gegenseitig das bissel Brot, das wir ihnen zugeschmissen haben, aus dem Mund gerissen haben."

So nahmen "Die dunklen Seiten des Planeten", die der Titel zu Walter Kohls Aufzeichnungen über Gelbards Leben ankündigt, ihren Ausgang. Und sie formen sich zu einer Mischung aus Porträt, zeitgeschichtlichem Bericht und persönlicher Erinnerung. Im Mittelpunkt steht Gelbard als Zeitzeuge wesentlicher Entwicklungen des 20. Jahrhunderts in Österreich - ein jüdischer Bub aus der Wiener Vorstadt, dem das KZ Theresienstadt nicht nur ein Lebenstrauma bescherte, sondern auch eine Aufgabe übertrug: Gelbard begegnete dem Trauma mit der Genese zum gelehrten Mahner, autodidaktischen Historiker und Verfechter des Zionismus.

Die Historie könnte man auch in anderen Büchern nachlesen. Nicht aber die Haltung, aus der heraus der Betroffene die Zeitgeschichte reflektiert. Der meint, dass es antinazistische Stimmung nach dem Krieg nur bis 1947 gab. Der als Halbwüchsiger nach den Krieg aber mit "Scheißjude" und "Wieso sads es ned vergast wurdn!" beflegelt wurde. Der sich dem Antisemitismus immer kämpferisch, selbst mit den Fäusten auf der Straße, entgegenstellte. Der Skrupel hat, dass nach einer Doku (Kurt Brazdas "Der Mann auf dem Balkon") auch noch ein Buch über ihn gemacht wird, weil andere mehr gelitten hätten als er. - Ein unkonventionelles Buch, in dem sich der Autor selbst mit einbringt und der Interviewte wenig Privates preisgeben will. Eine Laudatio und ein Mosaikstein im Bild eines dunklen Jahrhunderts. (Alois Pumhösel/DER STANDARD, Printausgabe, 26. 2. 2009)

Walter Kohl: "Die dunklen Seiten des Planeten. Rudi Gelbard, der Kämpfer". 236 Seiten, € 24.50. Buchverlag Franz Steinmaßl 2008.

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