Seid umschlungen, Reporter

24. Februar 2009, 17:45
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Hubert Kramars Mediensatire "Pension F.", ein offenbar unvermeidlicher Skandal des Wiener Off-Theater-Macher

Wien - Das offenbar unvermeidliche "Skandal"-Delirium fügt sich die Medienwelt - ganz ohne Zutun der von ihr okkupierten Lebenswelt - schon selbst zu.

Mit seiner Ankündigung, aus den sattsam bekannten, längst gerichtsanhängigen Amstettener Vorkommnissen rund um einen bizarr anmutenden Inzestfall eine "Kellersoap" zu verfertigen, hat der Wiener Off-Theater-Macher Hubert ("Hubsi" ) Kramar den PR-Coup seines Lebens gelandet. Wer "die ultimative Mediensatire" "Pension F." anlässlich ihrer montägigen Uraufführung in Augenschein nehmen wollte, musste die Lichtkegel ungezählter Kamerateams passieren. So charmant es vielleicht sein mag, im Foyer einer Off-Bühne auf die beispiellos geschäftigen Kollegen des internationalen Medienverbunds zu treffen, so wenig lohnt das tatsächliche Produkt der theatralischen Mühewaltung irgendeine andere als eine strikt kommunale Betrachtungsweise.

Kramar, dieser vollendet liebenswürdige Veteran einer auf "rasches Eingreifen" erpichten Kunstform, wirft sein ungelenkes Agitprop-Theater als Beitrag zur "Bewusstwerdung" in eine Debatte, die er, quasi als Durchlauferhitzer, schnöde mitbefördert.

Kramar, der Conférencier im güldenen Spielleitersakko, fragt, indem er unablässig auf die versammelte Medienmeute einpredigt, allen Ernstes nach dem "F." in uns allen. In uns allen! Weil natürlich die rechtspopulistischen Tendenzen in einem vielfach erbarmungswürdigen Gemeinwesen wie dem österreichischen selbstverständlich, also naturwüchsig, zu Inzest führen (?) - zu boulevardmedialen Verdauungsbeschwerden und wahrscheinlich auch zu Zahnfleischschwund.

"Pension F." ist eine erschreckend denkfaule Nummernrevue, in der Laien und Halbprofessionelle, ohne einer Dramaturgie zu bedürfen, läppische "Satiren" abliefern, die das Grauen televisionärer Volksmusik- und Casting-Shows mit einer unklaren Vorstellung vom "besseren Leben" verrechnen. Sie ersetzt politisches - und damit real wirksam werdendes - Handeln durch fromme Aufrufe. Sie ist der Aufregung in den Kleinformaten und Gratisgazetten keineswegs gewachsen. Sie ist ein Ärgernis - aber gerade kein Skandal. (Ronald Pohl, DER STANDARD/ Printausgabe, 25.02.2009)

  • Hubsi Kramar (li.)
    foto: thomas reisinger

    Hubsi Kramar (li.)

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