Kriegsspielplatz der Gefühle

23. Februar 2009, 19:03
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Premiere von Händels Oper "Partenope": Regisseur Pierre Audi transferiert die barocken Liebschaften routiniert ins Heute

Glanz erlangt der Abend durch die vokalen Leistungen.

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Wien - Es geht um Wege und Irrwege des Herzens. Und weil das so schön zeitlos ist, vermag man die barocken, im Gefühlsschwitzkasten befindlichen Figuren auch gut ins Heute zu übertragen, muss sich Regisseur Pierre Audi - nicht zu Unrecht - gedacht haben: So sind wir im Theater an der Wien Zeugen einer schrillen Party, bei der Joints herumgereicht werden und die Hausherrin, Partenope, auch mit dem Peitscherl fuchtelt. Es könnte ja dem einen oder anderen Gast der Sinn nach zärtlicher Züchtigung stehen.

Sie ist - hier ganz klar - das Zentrum männlicher Begierde. Und das soll auch so bleiben, also macht Partenope sich auch gerne fit: Da geht es von der Maniküre zur Massage, vom Stretching zum Sonnenbad. Und weil auch so eine simple Fete keinerlei Reiz mehr versprüht, muss schon eine Themenparty inszeniert werden, bei der man Spielchen spielt. Kriegsspielchen in diesem Fall, wobei dem Sieger die Sympathie der Gastgeberin winkt. Georg Friedrich Händels "Partenope"-Oper lässt eine Menge Typen um die Partyherrin herumschwirren; es nimmt denn auch das Anbandeln und das Turteln kein Ende. Und wärs damit nicht genug, ist einer der Anwärter auf Partenopes Gunst, der wankelmütige Arsace, eigentlich schon vergeben. Als Mann verkleidet betritt seine zürnende Rosmira die Feiergesellschaft und leidet und zürnt und leidet und ...

Das streng geformte Barock

Einen ausufernden Abend lang ist man also Zeuge der Wankelmütigkeit der Herzen und deren vor allem Wut zeugender Folgen. Es ist das ganze Gefühlschaos jedoch eingeschweißt in die Strenge barocker Formen, tiefgründige Seelenportraits sind da eine echte Herausforderung. Audi, immerhin, gibt sich Mühe, den Figuren Profil zu verleihen; und es gelingt ihm routiniert, Gockelgehabe und besungene Zerknirschung ein bisschen von den lähmenden Schwere obligater Operngestik zu befreien.

Natürlich spürt man letztlich auch, dass Audi in Gefahr ist, sich an der Eindimensionalität der Figuren und den szenisch immer herausfordernden melodischen Wiederholungen zu überheben. Helfen sollen dann die Optik und eine plakative Anlage mancher Szenen:

Die grauen Mauern befinden sich in fast permanenter Bewegung, formieren sich unentwegt neu zu unterschiedlichen Raumgestalten (Bühnenbild: Patrick Kinmonth). Beim Kriegsspiel ballern schwer bewaffnete Uniformträger herzhaft herum, während das finale Duell zwischen Arsace und Rosmira als skurriler Boxkampf inszeniert wird. Das lässt sich akzeptieren. Schade allerdings, dass gerade die Figur der Partenope, an der alles hängt, letztlich ungestaltet wirkt. Christine Schäfer, die vokal eine gute Koloraturleistung abliefert und vor allem in den Höhen ihre Qualitäten ausspielen kann, wirkt ein wenig zaghaft - fast möchte man meinen, dass die hohen Absätze, die sie zu tragen hat, schlicht zu viel Konzentration für das Halten des Gleichgewichts absorbieren. Jedenfalls hat man Schäfer schon ganz andere Gestaltungshöhen erklimmen gesehen.

Um sie herum dann aber delikater Gesang, der den Abend letztlich trägt und legitimiert: David Daniels (als Arsace) hat große Momente der Tragik; souverän auch Kurt Streit (als Emilio), Patricia Bardon (als Rosmira), Florian Boesch (als Ormonte) und Matthias Rexroth (als Armindo). Das Ensemble Les talens Lyriques unter Christoph Rousset war ein glänzender Rückhalt mit sehr viel Gefühl für dramatische Schlenker der Partitur. Da wird das Bühnengeschehen delikat mit ruppigen Akzenten angeschubst und in intimen Passagen mit atmosphärisch starkem Klangempfinden beschenkt. Heftigster Applaus. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 24.02.2009)

Weitere Aufführungen:
25., 27. 2; 1., 4., und 6. 3., 19.00

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Boxkampf der Liebestollen: Christine Schäfer (als Partenope, Dritte v. li.) sieht, wie David Daniels (Arsace, Dritter v. re.) scheinbar gegen Patricia Bardon (als Rosmira, Zweite v. re.) siegt.

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