Seismograf mit Gesang und Tanz

23. Februar 2009, 18:38
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Die indische Filmindustrie liefert schwelgerische Unterhaltung, ohne unpolitisch zu sein

Wien - Als der indische Schauspieler Shah Rukh Khan im Februar 2008 zur Premiere des Films "Om Shanti Om" die Berliner Filmfestspiele besuchte, war die Aufregung enorm. Zum ersten Mal konnten die Beobachter das Gefühl haben, einen Star vom Format der großen amerikanischen Idole zu sehen, der aber nicht nur aus einem anderen Land kommt, sondern auch in einer Filmindustrie arbeitet, die es mit Hollywood in jeder Hinsicht aufnehmen kann.

Längst ist auch der internationale Rufname der in Mumbai (früher Bombay) konzentrierten indischen Filmbranche global etabliert: Bollywood ist zu einem Markenzeichen geworden, das häufig mit dem gesamten kommerziellen Filmschaffen des Subkontinents assoziiert wird. Wer sich ein wenig besser mit den Umständen vertraut gemacht hat, unterscheidet dann zumindest die Hindi-Filme aus Mumbai von den tamilischen Produktionen, die manchmal unter Kollywood figurieren.

Auf dem internationalen Markt reüssieren heute in der Regel die großen Blockbuster, die auch auf dem Inlandsmarkt und unter den vielen Millionen indischen Menschen in der Diaspora meistens fast programmierte Erfolge sind. Das indische Kommerzkino ist in einem relativ hohen Maße planbar: Das liegt an einem ausgeklügelten Starsystem und daran, dass in den Musicalszenen mit Gesang und Tanz, die zum unverzichtbaren Bestandteil gehören, immer wieder sehr bekannte Nummern aufgenommen werden.

Filme zum Mitsingen

Man kann Bollywood-Filme bis zu einem gewissen Grad schon beim ersten Mal mitsingen. So sind es vor allem die beiden Oscars für A. R. Rahman, die aus indischer Perspektive von Bedeutung sind. Seine Mitarbeit an "Slumdog Millionär" (wie auch an "Bombay Dreams", dem exotisierenden Musical von Andrew Lloyd Webber) wird ihm gelegentlich auch als Ausverkauf ausgelegt, unumstritten aber sind seine Verdienste im eigenen Land.

Seit 1992 ist er jährlich manchmal an fünf, sechs Filmen beteiligt, darunter Klassiker wie "Lagaan" von Asutosh Gowariker (in dem indischen Bauern ein Cricket-Match gegen die englischen Kolonialherren austragen und gewinnen) oder "Dil Se" von Mani Ratnam (in dem Shah Rukh Khan sich in eine Terroristin verliebt). "Dil Se" enthält mit einer Tanzszene auf einem fahrenden Zug eine der berühmtesten Nummern des indischen Kinos und ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie sich politische Probleme auch in einer Form behandeln lassen, die einem Publikum zuerst einmal schönfärberisch, ja geradezu eskapistisch erscheinen könnte.

Die besondere Qualität vieler großer indischer Filme liegt aber gerade darin, dass sie schwelgerische Unterhaltung bieten und dabei doch zugleich unverhohlen von der Lage des Landes sprechen. Ein Klassiker wie "Bharat Mata (Mother India)" von Mehboob Khan aus dem Jahr 1957 war noch ganz auf die Feier (und die Gefährdung) der bäuerlichen Lebensform auf dem Land angelegt, inzwischen beschäftigen sich viele Bollywood-Filme mit den Auswirkungen des Wirtschaftswachstums und der Modernisierung und geben dabei einer neuen Generation Orientierung.

Die in den Diskussionen um "Slumdog Millionär" immer wieder vernehmbare Feststellung, das indische Kino ignoriere die sozialen Probleme des Landes, beruht sicher auf einem Missverständnis. Ungewohnt für Menschen mit einem westlich geprägten Verständnis von Kritik ist einfach, dass diese Filme keinen Blick hinter die Kulissen kennen: Sie sind prächtig und exzessiv schön, und noch das Elend wird in diese Form gebracht. Nur ein europäischer Filmemacher wird das Bedürfnis verspüren, "auch" in die Slums zu gehen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 24.02.2009)

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    Bollywood-Star Shah Rukh Khan (re.) mit Anushka Sharma.

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