Bombaystimmung am Sunset Boulevard

23. Februar 2009, 17:59
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Mit acht Oscars war Danny Boyles "Slumdog Millionär" der große Gewinner der 81. Oscar-Gala: ein Popmärchen, das in neuen Märkten angelt.

Der Österreicher Götz Spielmann ging mit "Revanche"  leer aus.

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Los Angeles - Jai ho! Übersetzt lautet der Titel des Oscar-prämierten Songs aus Slumdog Millionär: "Lass den Sieg kommen!" Ein fröhliches Motto, das in der 81. Oscar-Gala zur Hymne wurde: Gleich acht der begehrten Statuen gingen an den Film des Briten Danny Boyle, darunter auch jene für die Beste Regie und den Besten Film. Spätestens am Ende dieser Preisverleihung, als das multikulturelle Filmteam gesammelt auf der Bühne erschien, hatte man kaum mehr den Eindruck, dass sich hier Hollywood selbst zelebriert.

Die Entscheidung der Academy-Mitglieder, die meisten Oscars an das hybride Filmmärchen über einen Slumjungen aus Mumbai zu vergeben, hat in mehrfacher Hinsicht Signalwirkung: Schon ökonomisch spielt Slumdog Millionär in einer anderen Liga als Das seltsame Leben des Benjamin Button, der mit einem Budget von 150 Mio. Dollar rund zehnmal so teuer war. Der mit drei Technik-Oscars abgespeiste Film von David Fincher war in 13 Kategorien nominiert gewesen. In Krisenzeiten scheint das kein Modell zu sein - selbst wenn der Film in seiner Verquickung von Realfilm und digitaler Technologie in die Zukunft weist.

Slumdog Millionär zeigt dagegen mit seinem Zugriff auf diverse Stilismen des Weltkinos eine neue Strategie der kulturellen Anbindung auf. Zugleich ist der Film aber auch unexotisch genug, um mit seiner eingängigen Liebesgeschichte die Herzen eines globalen Publikums zu erweichen. An Synergien mit Bollywood ist Hollywood ohnehin stark interessiert.

Einen eigentümlichen Kontrast dazu erzeugte die Neuausrichtung der Gala im Kodak Theatre, mit der man auf sinkende TV-Zuseherzahlen reagieren wollte. Statt der bissigen Oneliner eines Talkshow-Hosts wie Jon Stewart sorgte Hugh Jackman mehr im Stile eines galanten Entertainers für einen musikalischen Abend, der in gediegener Langeweile dahinplätscherte. Mit Gesangseinlagen ("The Musical is back!") wurde die Bühne zum erweiterten Nachtclub, aber der anvisierte Glamour aus vergangenen Tagen wollte nicht recht aufkommen.

Alte Sieger ehren neue

Eine der gelungeneren Veränderungen war die Praxis, die Oscars für die besten Darsteller jeweils von fünf Ex-Gewinnern anmoderieren zu lassen: Robert De Niro fragte sich schelmisch, wie es dem Besten Hauptdarsteller Sean Penn - für die Rolle als schwuler Aktivist Harvey Milk - all die Jahre gelungen sei, heterosexuelle Helden zu spielen. Penn ließ sich nicht beirren, setzte sich in seiner Dankesrede für Homosexuellen-Rechte ein - und streute auch noch seinem unterlegenen Freund Mickey Rourke Rosen.

Sophia Loren stach als resolute Obermama des Kinos bei den Moderatorinnen für die Beste Darstellerin heraus: Die Trophäe nahm dann Kate Winslet für Der Vorleser erwartungsgemäß außer Atem in Empfang. Beste Nebendarstellerin wurde Penélope Cruz, die kurz mit einer Ohnmacht kokettierte, Heath Ledger wurde für seine Rolle als Joker in The Dark Knight posthum ausgezeichnet.

Überraschungen waren das keine: Die Buchmacher lagen in der Regel richtig. Nur mit dem Oscar für den Besten nichtenglischsprachigen Film an Departures vom Japaner Yojiro Takita rechnete niemand. Götz Spielmann, mit Revanche im Rennen, feierte, wie er gegenüber dem Standard sagte, "nicht hysterisch" im Generalkonsulat: "Offenbar zog man einen sanften, sensiblen Film den anderen Mitbewerbern vor, die durch ihre Härte gespalten haben." Die professionelle Show habe der Regisseur dennoch sehr genossen: "Wenngleich ich das nicht unbedingt jede Woche haben muss."

Der Abend blieb unter drei Stunden, war also kürzer als sonst. Für den Filmkritiker der New York Times, A. O. Scott, ist das ein Indiz für eine neue Bescheidenheit, die auf einen schrumpfenden Markt und sinkende kulturelle Bedeutung verweist. Trotz Bombaystimmung im Kodak Theatre könnte er recht damit haben. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 24.02.3009)

 

 

Eine multi-kulturelle Truppe stürmt Hollywood: Der britische Regisseur Danny Boyle (re.) mit diversen Darstellern aus dem Oscar-Sieger "Slumdog Millionär".
Foto: Reuters

 

 

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    Großer Abräumer des Abends: Danny Boyle mit "Slumdog Millionär".

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    Beste Schauspielerin: Kate Winslet (Der Vorleser)

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    Bester Schauspieler: Sean Penn ("Milk")

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