Herrscherin über Seele, Kopf und Herz

20. Februar 2009, 19:21
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Zwar sind sich Politiker der integrationshemmenden Wirkung religiöser Lehren bewusst, an ihrer Haltung zur katholischen Kirche ändert das jedoch wenig

Noch immer fehlt die Distanz zu der mächtigen Institution.

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Man dürfe religiöse Lehren als Integrationshemmnis nicht unterschätzen, sorgte sich die Wiener Stadträtin für Integrationsfragen zu Recht und ließ sich trotzdem in eine merkwürdige Debatte um detaillierte Inhalte eines islamischen Religionslehrbuchs verstricken.

Wir schreiben das Jahr 2009! Und haben uns immer noch nicht aus einer Diskussion befreit, die geistesgeschichtlich vor fünfhundert Jahren, am Anfang des Humanismus und der Renaissance begann, als man durch exakte naturwissenschaftliche Beobachtung und Berechnungen plötzlich die ganze Unsinnigkeit religiöser Lehren, Dogmen und Rechthabereien erkannte.

Die großen religiösen Irrtümer der Menschheitsgeschichte hätten immerhin die Chance geboten, kraft ihrer inneren seelischen Dynamik ein geistiges Abenteuer ersten Ranges - im Hinblick auf tiefste menschliche Sehnsüchte und Bedürfnisse - zu werden: die persönliche Freiheit, die Selbstbestimmung, die Förderung einer Mündigkeit im Denken und Urteilen, Lieben und Arbeiten, um die kreative Entfaltung der Individualität zu stärken. Und das Recht, Erkenntnisse und Lebensziele im Laufe der persönlichen Entwicklung zu verändern. Zu einer erfüllenden Sinnfindung: der Lebensfreude.

Stattdessen wussten sich kirchliche Obrigkeiten offenbar nicht anders zu helfen, als mit Verboten, Indizierungen, Drohungen, abverlangten Eiden, der strafenden oder heiligsprechenden Willkür, einer pompösen Selbstinszenierung und beamteten Feierlichkeit ihre eigenen Machtansprüche zu verteidigen. Was Menschen brauchen, um Halt und Orientierung zu finden, wurde verraten. Und so ist es bis heute.

80 Prozent sind kirchenfern

Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung stehen heute den christlichen Kirchen mehr oder weniger fern. Die Verwaltung der angemaßten Wahrheiten und einer doppelbödigen Moral wird vielfach relativiert oder belächelt; Verbote werden ohnedies umgangen - besonders im Hinblick auf die katholische Sexuallehre. Nur wenige von den verbliebenen Gläubigen würden sich heute noch von den Bedrohungen durch die Todsünde oder gar einem Verbot des Glaubenszweifels beeindrucken lassen. Man nimmt das alles nicht mehr so ernst. Und natürlich weiß man auch, dass in unseren Gotteshäusern nicht nur intelligente Leute am Werk sind.

Dumme Menschen haben überhaupt kein Problem mit Glaubensinhalten. Und die anderen sind immerhin gescheit genug, zu wissen, dass es von Vorteil ist, zu einer möglichst großen Herde zu gehören. Damit der Fanclub begreift, dass man einer von ihnen ist, muss man sich möglichst oft bei der gleichen Gelegenheit zeigen. Das wissen auch Politiker. Selbst der sich freimütig als Agnostiker outende HBP kniet gelegentlich dann doch vor dem hohen Klerus.

Mit den Widerwärtigkeiten des Katholizismus haben sich also manche Bürger - aus anerzogenem Gehorsam, aus Gewohnheit, Gleichgültigkeit oder Denkfaulheit - arrangiert, obwohl die Glaubenssätze in vieler Hinsicht den Menschenrechten, allen psychologischen Erkenntnissen und auch den Wertmaßstäben der Demokratie widersprechen: ob es um die gesellschaftlich-soziale Stellung der Frau geht, um den Respekt vor Andersdenkenden, um die Rechte als Arbeitnehmer, die Verteilung der Ressourcen und vieles mehr.

Über all das kann sich in unserem Land nur noch die katholische Kirche hinwegsetzen, ohne mit geltenden Gesetzen in Konflikt zu geraten. Es wäre nicht weiter schlimm, wenn sich der Staat davon distanziert verhielte und sich Glaubensgemeinschaften selbst erhalten müssten.
In Wahrheit haben wir jedoch immer noch eine über die Herzen, Köpfe und Seelen der Menschen herrschen wollende und - besonders ärgerlich! - auch von kritisch Denkenden (zwangs-)finanzierte, also äußerst parasitär agierende Staatsreligion.

Eigentlich müssten wir den islamischen Fundamentalisten dankbar sein, dass sie uns für die eigenen Defizite die Augen öffnen. Denn in fremdem Gewand sehen manche religiöse Lehren und Forderungen gleich viel absurder und bedrohlicher aus als in der gewohnten alten Tracht. In einer aufgeklärten, auf Bildung bedachten und demokratisch legitimierten Gesellschaft sollte jedoch keine der konfessionellen Gruppierungen einen Rechtsanspruch auf die öffentliche Förderung zur Verbreitung ihrer jeweiligen Ideologie haben.

Kirchen und sakrale Räume sollten nur dann aus dem Steuertopf erhalten werden, wenn sie sich für eine vielfältige, kulturelle Verwendung öffnen; auch für Programme kritischer und unkonventioneller Veranstalter.

Nicht jeder peinliche oder beschränkte Satz muss, nur weil er aus dem Mund eines Weihbischofs ertönt, im öffentlichen Leben aufgegriffen und mit politischer Anteilnahme diskutiert werden. Die Aufregungen um erstarrte Kardinäle oder Bischöfe, die, wie man ohnehin weiß, in ihren festgelegten Hierarchien gefangen sind; das Bulletin aus dem autoritären Zentralismus eines realitätsfernen Papstes; die unverschämten moralischen Übergriffe auf homosexuelle Partnerschaften oder wiederverheiratete Geschiedene, aus der die seelische Armut und Einsamkeit durch die auferlegte Unterdrückung oder Verleugnung der klerikalen Sexualität spricht; ja selbst die Herabwürdigung anderer Konfessionen - wie würde das alles an Relevanz verlieren, wenn kontroverse Gottesbilder und religiöse Gefühle aus der staatlichen Zuständigkeit entlassen und in den Bereich privater, intimer Vorstellungen verwiesen werden.

Der eigene kreative Geist

Es wäre an der Zeit, dass man auch hierzulande begreift: Konfessionell geschulte Religionslehrer können nur ihren eigenen mehr oder weniger naiven Glauben vermitteln - aber keine Wahrheiten und keine Weisheit. Ein kluges und weitsichtiges Bildungsangebot fordert niemanden auf, ungesicherte Behauptungen zu übernehmen. Es wird über Religion als geschichtliches Phänomen, aus der europäisch-narrativen und hebräischen Tradition informieren und versuchen, Schüler an die Möglichkeiten ihres eigenen kreativen Geistes zu führen. Und vielleicht an die bescheidene Einsicht: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Wie wir allein sind im Verständnis der Welt, so sind wir es auch in unserer Ahnung von "Gott" . Aber das tägliche Leben, der Umgang mit anderen Menschen, auch und besonders mit solchen, die um Aufnahme bei uns bitten, könnte unsere "Religion" sein. (Waltraud Prothmann-Seyersbach, Leo Prothmann, DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2009)

Waltraud Prothmann-Seyersbach ist Akad. Trainerin f. Kommunikationspädagogik, freie Journalistin.

Dr. phil. Leo Prothmann ist Psychotherapeut und Analytiker in eigener Praxis in Salzburg; Mitbegründer der Österreichischen Gesellschaft für Analytische Psychologie, Wien.

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