"Er hat den Kampf um die Hegemonie gewonnen"

20. Februar 2009, 11:42
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Enttäuschter Veltroni überlässt Berlusconi das Feld

Die italienische Linke steht vor einem Scherbenhaufen. Nach dem Ausscheiden der Kommunisten, Sozialisten und Grünen aus dem Parlament blickt jetzt auch der Partito Democratico einer ungewissen Zukunft entgegen. Dessen Vorsitzender Walter Veltroni kam seinen parteiinternen Gegnern zuvor und nutzte das Wahldebakel in Sardinien, um am Mittwoch seinen bereits Tags zuvor beschlossenen Rücktritt offiziell bekanntzugeben. 16 Monate nach Gründung der neuen Partei zog Veltroni damit die Konsequenzen aus dem Dauerstreit um deren politische Linie.

Das Wählervolk ließ seinem Ärger freien Lauf. Innerhalb einer Stunde überschwemmten über 3000 frustrierte Linkswähler die Mailbox der Tageszeitung L'Unità. „Ich weiß nicht, ob bei mir Wut, Angst oder Enttäuschung überwiegen", klagte die Vorsitzende einer Parteisektion in Umbrien. Veltroni sei „als Gentleman unter Schakale gefallen", erregte sich eine Linkswählerin aus Neapel. Umstimmen ließ sich der 53-jährige Parteichef nicht mehr. Nur wenige Stunden nach seiner Entscheidung gab er seinen Dienstwagen zurück und ersuchte den Präfekten, seine Leibwächter abzuziehen. Er werde in Zukunft nur noch als einfacher Abgeordneter für die Partei arbeiten.

„Teamgeist fehlte"

Auf einer Pressekonferenz am Mittwoch nannte Veltroni „enttäuschte Hoffnungen" als Rücktrittsgrund: „Ich bitte um Nachsicht für mein Scheitern. Eine neue und offene Partei war die Hoffnung meines Lebens. Aber es fehlten Teamgeist und Solidarität. Ich hoffe, dass mein Nachfolger auf mehr Verständnis stößt", erklärte Veltroni unter Anspielung auf parteiinterne Kritiker wie Massimo D'Alema und Francesco Rutelli. „Während wir in den letzten Jahren sechs oder sieben Vorsitzende verheizt haben, blieb Silvio Berlusconi auch nach Niederlagen unumstrittener Chef der Rechten. Er hat seinen Kampf um die Hegemonie gewonnen und Italien ärmer und ängstlicher gemacht. Deshalb benötigt das Land dringend eine starke Opposition", sagte Veltroni.

Sein Vize Dario Franceschini übernahm Mittwoch die Führung der Partei, deren Spaltung in ein katholisches und ein linkes Lager nicht ausgeschlossen wird. Am Wochenende sollen 2000 Delegierte über die Zukunft des glücklosen Partito Democratico entscheiden. Offen ist, ob der Katholik Fran_ceschini als Übergangsvorsitzende bestätigt, oder ein neuer Parteichef gewählt wird. Auch eine Vorverlegung des für Oktober geplanten Parteitags wird erwogen. Die Delegierten stehen unter Zeitdruck: In wenigen Monaten steht in Italien neben den Europawahlen auch die Erneuerung zahlreicher Gemeinderäte an. Gewählt wird auch in wichtigen, vom Linksbündnis regierten Städten wie Florenz und Bologna. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2009)

 

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    Walter Veltroni fiel als "Gentleman unter die Schakale", glauben seine Mitstreiter.

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