"Entscheidung auf merkwürdigen Wegen"

17. Februar 2009, 18:26
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Vatikan-Experten rätseln über die Hintergründe im Fall Gerhard Maria Wagner

Rom - Den römischen Vatikanexperten gibt der Fall Wagner neue Rätsel über den Führungsstil des Papstes auf. War es ein Intrigenspiel? Ein Betriebsunfall? Eine bewusste Entscheidung? Stolperte Joseph Ratzinger über seine Sympathie für Traditionalisten? Konsens herrscht nur in einem Punkt: Die Entscheidung, Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz zu befördern, sei „auf merkwürdigen Wegen zustandegekommen".

Auch wenn Wagner selbst seinen Rückzug erklärt hat, werden die möglichen Drahtzieher für seine Bestellung weiter gesucht. Hinter vorgehaltener Hand fallen zwei Namen aus dem Lager der Konservativen: der an die Wiener Nuntiatur versetzte Leiter der deutschsprachigen Abteilung im vatikanischen Staatssekretariat, Christoph Kühn, und der frühere Bundesratspräsident Herbert Schambeck, der sich als Mitglied der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften und Konsultor des Päpstlichen Rates für die Familie häufig im Kirchenstaat aufhält. Letzterer wehrte sich bereits gegen diesen Verdacht.

War Joseph Ratzinger über die umstrittenen Äußerungen Wagners informiert? Für den Vatikanexperten der Tageszeitung La Repubblica, Marco Politi, steht fest: Die Verantwortung könne diesmal nicht - wie im Fall des Holocaust-Leugners Bischof Richard Williamson - auf Kurien-Mitarbeiter abgeschoben werden. „Im Unterschied zu seinem Vorgänger, der oft unterwegs war, pflegt Benedikt XVI. die Dossiers zur Ernennung neuer Bischöfe genau zu studieren", sagt Politi zum Standard.

Wurden Wagners Äußerungen darin unterschlagen oder ignorierte der Papst bewusst entsprechende Warnungen? Beide Thesen - so Politi - „werfen die Frage auf, wie die Führung der Kirche funktioniert - oder besser: nicht funktioniert". Der Fall Wagner sei ein Konflikt von neuen Dimensionen: „Hatte Ratzinger mit seiner Regensburger Rede einen Sturm der Entrüstung außerhalb der Kirche ausgelöst, so kamen die Proteste diesmal aus den eigenen Reihen."

Habe er mit der Rehabilitierung der Lefebvre-Anhänger die Bischofskonferenzen Frankreichs, der Schweiz und Deutschlands brüskiert, so habe die Wahl Wagners Irritation unter Österreichs Bischöfen ausgelöst - ein „unbegreiflicher Umstand", zumal die Kirche dort von einem Freund Ratzingers geführt werde. Darin sieht ein intimer Kenner der Kurie die eigentliche Ursache der Irritation Kardinal Christoph Schönborns: „Die Entscheidung wurde an ihm vorbei getroffen. Ein verletzender Vorgang."

Für Paul Badde vom Vatican Magazin hat mit den Fällen Williamson und Wagner ein neues Phänomen Einzug gehalten: „Die Medien regieren mit. Das war im Kirchenstaat bisher unvorstellbar." Ein anderer Kenner findet, in Österreich werde übertrieben: „Im Vatikan wird täglich ein neuer Bischof ernannt. Aus Sicht der vom Papst regierten Weltkirche ist der Fall Wagner bedeutungslos."  (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2009)

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    Den römischen Vatikanexperten gibt der Fall Wagner neue Rätsel über den Führungsstil des Papstes auf.

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