Die Angst der Bischöfe vor dem Protestantismus

15. Februar 2009, 18:38
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In ihrer heute beginnenden Sonderkonferenz werden die Bischöfe über das "Vertrauen" berichten, das der Papst in sie setzt: Nicht mucken, sondern ducken

Am 22. Februar 1999, also vor fast zehn Jahren, hat der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn seinen Generalvikar Helmut Schüller wegen "tiefgehender Meinungsverschiedenheiten" entlassen. Schüller arbeitet seither als Uni-Seelsorger und Pfarrer. Schüller, theologisch eher traditionell ausgerichtet, galt und gilt als politisch links. So sei die Trennung zu verstehen gewesen. Der neue Weihbischof von Linz gilt als reaktionär. Und passt daher ins Bild: Die Kirche schlittert in der medialen Einstufung nach rechts.

Diese Kategorisierung ist ungenau. Theologisch und kirchenrechtlich entzieht sich die Amtskirche solchen Positionierungen. Etwas anderes sind die politischen Auswirkungen. Weil die Kirche mit der französischen Aufklärung ebenso wenig zu tun haben wollte wie später mit dem Marxismus, ist ihr gesellschaftlicher Ort ein strammer Konservatismus. Also rechts. Versuche, linke Strömungen (Arbeiterpriester, Befreiungstheologie) zu etablieren, blieben Hoffnungen.

Pluralismus ist nicht die Sache einer autoritär geführten Institution. Nach römischer Überzeugung haben Offenheit und Rücksicht auf die westliche Konsumgesellschaft nichts gebracht. Die Erosion ist dramatisch. Selbst in ehemals erzkatholischen Ländern wie Italien, Spanien und Polen sind die Mitgliederzahlen eingebrochen. Der Einfluss der Bischöfe basiert nicht mehr auf einer starken Basis, sondern funktioniert über Beziehungen.

1968 hat viele Hierarchien so schockiert, dass sie (wie der heutige Papst) die Modernisierung der Kirche nur noch im Rückzug und in der Opposition zur heutigen Welt sahen. Seit damals grassiert die Angst vor einem Aufgehen des Katholizismus in lutherische Strukturen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe die Ökumene genug gefördert. Frauenpriestertum, verheiratete Priester, Stärkung der Gemeinden, Bischofswahl, all das sei zu viel.

Erst Monate, nachdem Schönborn Schüller 1999 vor die Tür gesetzt hatte, wurde die wahre Begründung bekannt. Schüller habe protestantische Tendenzen forciert. "Wir sind Kirche" und die jüngste Laieninitiative sind für die Hierarchie Manifestationen einer synodalen Kirche. An deren Ende die Entmachtung des Papstes stünde.

Die von Benedikt XVI. propagierte Betonung der traditionellen Werte des Katholizismus ist freilich nichts Neues. Sie wurde unter seinem Vorgänger eingeleitet. Erinnern wir uns an die Bischofsernennungen am Ende des vergangenen Jahrhunderts und an die Fernsehauftritte Kurt Krenns: Weihbischof Wagner ist die personelle Fortsetzung.

Worum geht es dem Papst bei der "Evangelisierung" Europas? Die Kirche soll schrumpfen, sie muss die "Geheimnisse des Glaubens" über mythische Symbole verbreiten und die Welt als das begreifen, was die Gegner Darwins wieder stärkt: als einen Entwurf Gottes, dessen Design durch Homosexuelle, freien Geschlechtsverkehr und Irrlehren verunstaltet wird.

In ihrer heute, Montag, beginnenden Sonderkonferenz werden die Bischöfe über das "Vertrauen" berichten, das der Papst in sie setzt. Sie werden wissen, was das heißt: Nicht mucken, sondern ducken. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2009)

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