Untrübbares Missbehagen

13. Februar 2009, 16:54
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In seinem Tagebuch des Jahres 1990 macht sich Günter Grass Gedanken über die deutsche Wiedervereinigung, das Ozonloch und freie Tische

Am 15. September 1990 sitzt Günter Grass mit Verleger und Galerist in Leipzig in einem Traditionslokal. Auerbachs Keller, bekannt aus Goethes "Faust", ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Er gehört nun "einem Hamburger" , die Folgen sind augenscheinlich: "höhere Preise, schlechtere Qualität, viele freie Tische." In diesem ersten Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer sah Grass überall Ausverkauf. Die DDR ging als "Schnäppchen" an die BRD, die Wiedervereinigung war eine kalte Enteignung, und wo die Menschen auf Demonstrationen "Wir sind das Volk" riefen, musste der Großschriftsteller abseits stehen und sich wundern: "Grotesk, wie sich der deutsche Vereinigungsprozeß nun, vor Vertragsabschluß, an den Abtreibungsmodalitäten reibt." Die DDR als ungeborenes Staatenwesen, eines eigenen Lebens beraubt durch Helmut Kohl? Nein, es geht nur um Details in der Regelung der Fristenlösung.

In dem Buch "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990" gibt Günter Grass eine Menge zu Protokoll, was ihn als originellen Gesellen ausweist. Die Aufzeichnungen sind ein Dokument gegen den Zeitgeist, jetzt noch mehr als damals, als Oskar Lafontaine (ein Partei- und Duzfreund von Grass) für die SPD in die Wahlen ging. Vor den Augen der Welt öffnete sich für Deutschland ein Fenster der Gelegenheit. Als es sich wieder schloss, war die Bundesrepublik um die ehemalige DDR größer und mächtiger und immer noch in der NATO. Grass war nicht der Einzige, dem dies sauer aufstieß. Aber sein neues Buch lässt noch einmal deutlich erkennen, warum diese Position damals nicht mehrheitsfähig war. Sie war nämlich von einer strengen Pädagogik geprägt: "Will versuchen, (...) das angebliche Recht auf deutsche Einheit im Sinne von wiedervereinigter Staatlichkeit an Auschwitz scheitern zu lassen."

Mit diesem Vorhaben beginnt, noch im Feriendomizil in Portugal, ein höchst betriebsames Jahr für Grass, in dem er immer wieder in den politischen Prozess interveniert, durch Texte, Reden, aber auch am Telefon ("Ermahnte Lafontaine, positiv nach vorne zu argumentieren: Verfassungsrat, lohnendes Solidaritätsopfer, ein neues, betont föderalistisches Deutschland. Er versprach, mehr Klarheit in die Asylproblematik zu bringen." ) Man kann dies als beispielhafte Handlungen eines engagierten Schriftstellers sehen, man könnte - in einem Tagebuch - aber auch erwarten, dass ein Mann von so enormer öffentlicher Statur wie Grass sich gelegentlich einen Gedanken darüber macht, was denn ausgerechnet ihn zu so einem autoritativen Tonfall berechtigt. In privaten Aufzeichnungen müsste doch eigentlich auch Platz sein für Selbstbefragungen und Zwischentöne. Nicht in diesem Buch. Reflexion geht im täglichen Betrieb unter: "Am Abend waren Bissingers da, später Eva und Peter Rühmkorf. Wir litten lustig an Deutschland." Deutlicher (und subtiler) wird die Selbstironie von Grass nicht.

"Unterwegs von Deutschland nach Deutschland" gehört in seinen späten, autobiografischen Werkkomplex, den er vor allem mit Beim Häuten der Zwiebel (2006) eingeläutet hat. Die umständliche Selbstmythologisierung, die er dort betreibt, weicht hier einem ausgesprochen trivialen Ton, in dem private Umstände ("Doch nicht nur Ärger: die Töchter mir gegenüber sind süß, liebenswert, komisch und allemal meine Sünden wert." ) und Weltgeschichtliches ("Endlich beginnt auch Albanien zu wanken!" ) in einen erdgeschichtlichen Zusammenhang von langer Dauer gestellt werden, denn Günter Grass war 1990 schon sehr besorgt wegen der "verletzten Ozonschicht" : "Nicht auszuschließen ist, dass die Heftigkeit dieser Orkane ihre Ursache in der beginnenden Klimaveränderung hat."

Am 20. April hat er in Cottbus einen wichtigen Erinnerungsmoment: "Heute vor 45 Jahren war ich als 17-Jähriger in dieser Gegend. Ich sah, wenn nicht die genaue Stelle, dann doch die inzwischen überwachsene Braunkohlengrube kurz vor Senftenberg wieder, neben der ich an Hitlers letztem Geburtstag verwundet wurde." Dass seine damalige "Entfernung von der Truppe" die SS betraf, musste ihm 1990 keine Skrupel mehr machen. Aber dass er die Öffentlichkeit über diese Erlebnisse im Ungefähren gelassen hatte, hätte ihm zumindest durch den Kopf gehen können.

Das "Tagebuch 1990" ist ein seltsames Dokument, es wirkt in seiner Oberflächlichkeit wie gereinigt von allen Anwandlungen persönlicher Erfahrung. Der Text klingt, als wäre er nicht geschrieben, sondern diktiert worden, für das Abwägen der Worte, auf das er sich doch so viel zugutehält, ist hier keine Zeit. Grass ist in diesem Jahr höchst aktiv, aber er macht sich selbst im Grunde nur mit, ein wenig hilflos schon eingesperrt in einer Welt, in der ihn keine Kritik und kein dialektischer Gedanke mehr erreicht.

Die Öffentlichkeit braucht diesen Günter Grass, es lässt sich sonst keiner dazu herab, so markig gegen den Kapitalismus zu schreiben und moralisch ans Eingemachte zu gehen. Dies war schon 1990 seine Funktion, zumal gegen den anderen großen Kopf der deutschen Literatur, Martin Walser, der seine Freude über die Wiedervereinigung "untrübbar" nannte. Ebenso untrübbar war das Missbehagen von Günter Grass. Seine Frankfurter Rede "Schreiben nach Auschwitz" war 1990 ein großer Erfolg. "Erst danach spürte ich die Anspannung und erschrak, als nach einstündiger Stille massives Klatschen, Beifall genannt, Antwort gab." Dass massives Klatschen, Beifall genannt, auch eine Falle sein kann, hat der Intellektuelle und der Schriftsteller Günter Grass schon lange vergessen. (Bert Rebhandl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.02.2009)

Günter Grass, "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990." € 20,60 / 272 Seiten. Steidl, Göttingen 2009

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    "Endlich beginnt auch Albanien zu schwanken": Günter Grass

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