Medien durch erfundenen Ministernamen in Wikipedia genarrt

12. Februar 2009, 21:42
34 Postings

Student dichtete Guttenberg einen falschen "Wilhelm" an - "Spiegel", "Süddeutsche" und auch "ZiB 2"-Anchorman Wolf tappten in die Falle

Berlin/Wien - Ein Journalismusstudent hat mit einem gefälschten Eintrag im Internet-Lexikon Wikipedia die deutsche Medienlandschaft bloßgestellt. Nach der Ernennung des CSU-Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg zum deutschen Wirtschaftsminister ergänzte er die acht weiteren Vornamen des Adeligen um einen weiteren - "Wilhelm" - und von "Spiegel Online" bis zur "Süddeutschen Zeitung" übernahmen selbst Qualitätsmedien diese Angabe ungeprüft. Auf der Titelseite der Boulevardzeitung "Bild" prangte der um den falschen Wilhelm verlängerte Ministername unter der Schlagzeile: "Müssen wir uns diesen Namen merken?"

Wie der anonym bleibende Student in seinem Blog berichtet, unterlief "Spiegel Online" in diesem Zusammenhang ein besonders peinlicher Lapsus. In einem Porträt des Internetablegers des renommierten Wochenmagazins war zu lesen, dass "eine beliebte Journalistenfrage" an Guttenberg jene nach seinem kompletten Namen sei. "Ob er den bitte einmal aufsagen möge. Manchmal macht er das dann auch. Und los geht's: 'Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.' Er sei aber so erzogen worden, dass nicht der Name, sondern die Leistung zähle, fügt er dann regelmäßig an."

Mittlerweile ist das "Wilhelm" aus der Wikipedia-Aufzählung wieder verschwunden, und "Spiegel Online" streute sich wegen "mangelnder Nachrecherche" Asche aufs Haupt. In Österreich übernahmen "Der STANDARD", die "Kleine Zeitung" und "Österreich" den falschen Wilhelm ohne Nachrecherche.

Auch der sonst so genaue ZiB2-Anchorman Armin Wolf wurde vom Wikipedia-Manipulator blamiert. Wolf trug die vielen Vornamen des neuen deutschen Ministers am Montagabend als Schluss-Gag in seiner Sendung vor. Zum Mitlesen ließ er die Namen ganz groß hinter sich einblenden. Am Mittwoch entschuldigte er sich für den Fehler, redete sich aber zugleich auf den "Spiegel" aus, von dem viele Medien den falschen "Wilhelm" abgeschrieben hätten. Wolf lapidar: "Also, Freiherr von und zu Guttenberg hat nur zehn Vornamen, Wilhelm ist nicht dabei. Sorry! Das Wetter."

Eskaliertes Abschreiben

In einem am Donnerstag veröffentlichten Gespräch mit Zeit.de zeigte sich der "Wilhelm"-Fälscher überrascht darüber, wie viele Medien den Fehler übernommen hätten. Der gefälschte Eintrag sei ein anschauliches Beispiel für die "Eskalation" des Phänomens, "dass eine Quelle die anderen als Bezug nimmt und umgekehrt und dass sie so eine Unwahrheit selbst bestätigen kann". Überrascht habe ihn auch, "dass die Wikipedia im Gegensatz zu den Journalisten den Fehler bemerkte und löschte. Und er erst dadurch, dass der falsche Name zu dieser Zeit schon in der Welt war, er wieder in Wikipedia zurückkam." Viele Medien bemerkten den Fehler dagegen nicht einmal, als der anonyme Student sich in seinem - am Dienstagabend um 19.36 Uhr veröffentlichten - Blogeintrag als Urheber der Manipulation outete. (APA)

Share if you care.