Junger Trotzkist fordert Frankreichs Linke heraus

6. Februar 2009, 17:38
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Olivier Besancenot (34) gründet "Neue Antikapitalistische Partei" und gilt als wichtigster Gegenspieler Präsident Sarkozys

Der 34-jährige Olivier Besancenot mischt die Politik in Frankreich auf: Der Briefträger gründet die "Neue Antikapitalistische Partei" – und gilt inzwischen als der wichtigste Gegenspieler von Präsident Sarkozy.

Er hat etwas von Tintin, dem ewig jugendlichen Comic-Helden, und spricht wie ein "Titi", ein Straßenbengel aus dem Pariser Arbeiterbezirk. Längst ist Olivier Besancenot ein nationaler Politstar. Laut Umfragen ist er der wichtigste Gegenspieler von Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

Am Wochenende gründet er in einem Pariser Vorort die "Neue Antikapitalistische Partei" (NPA). Sie hat bereits 9000 Mitglieder und geht aus der der Revolutionär-Kommunistischen Liga hervor, die am Donnerstag offiziell aufgelöst worden ist. Die LCR huldigte einem eher dogmatischen Trotzkismus, von dem Besancenot nicht frei ist. Der ehemalige Geschichtsstudent, der Briefträger geworden ist, bezeichnet die Millionen Franzosen, die unter der Armutsgrenze leben, gerne als "Proletariat im marxistischen Sinn". Der Klassenfeind seien, so der Che-Guevara-Fan, jene fünf Prozent "Oligarchen" , die in Frankreich 50 Prozent der Vermögen besäßen und jetzt um ihre Aktienpapiere zitterten.

Im Fernsehen erklärt der Mann mit dem Babyface selbst gewagteste Forderungen – etwa nach einem gesetzlichen Entlassungsverbot – so plausibel, dass er die Talkshows meist als Sieger verlässt. Seine Schlagfertigkeit und sein ehrlicher Zorn über die Ungerechtigkeiten der Welt kommen weit über sein Lager hinaus an.

Umso älter sehen die krawattierten Ex-Minister des Parti Socialiste (PS) gegen den Trotzkisten im Hugo-Boss-Leibchen aus. Um mit ihm Schritt zu halten, müssen sie ihren Diskurs stärker radikalisieren, als ihnen lieb ist.

Der sozialistische Dissident Jean-Luc Mélenchon, der vor Wochenfrist schon einen "Parti de gauche" nach dem Vorbild der deutschen "Linken" Oscar Lafontaines gegründet hatte, schlug Besancenot einen linken Schulterschluss vor. Der Trotzkist lehnte ab: Er arbeite nicht mit Parteien, die auch mit den Anpassern vom PS Wahlallianzen eingingen. Bei den nächsten Präsidentschaftswahlen will Besancenot sein Achtungsresultat von 2007 (4,1 Prozent der Stimmen) mehr als verdoppeln. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.2.2009)

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    Olivier Besancenot, Chef der neuen Partei.

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