Historiker zweifelt an Heims Tod

6. Februar 2009, 16:07
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KZ-Arzt Heim starb laut Medienberichten bereits 1992 in Kairo - Justizministerium prüft Berichte - mit Video

Wien - Aribert Heim, der bisher meistgesuchte NS-Kriegsverbrecher, soll bereits im August 1992 in Ägypten an Darmkrebs verstorben sein. Das berichteten am Mittwochabend ZDF und New York Times unisono. Bei Recherchen soll in Kairo die offizielle Sterbeurkunde Heims und rund 100 weitere Dokumente, darunter unter anderem ein Pass Heims und sein Antrag auf Aufenthaltsbewilligung, aufgetaucht sein.

Auch der Sohn Heims, der in Deutschland lebt, soll nun im Interview, das Donnerstagabend im ZDF ausgestrahlt wird, den Tod seines Vaters bestätigen. Nach seinem Tod wurde Heim, der zur Tarnung zum Islam konvertiert sein soll und den Namen Tarek Farid Hussein annahm, auf einem Armenfriedhof in Kairo begraben. Da die Grabstellen nach wenigen Jahren wieder freigegeben werden sei die Chance, sterbliche Überreste zu finden, sehr gering.

Deutschland schickt Ermittler

Ermittler des baden-württembergischen Landeskriminalamts wollen in Ägypten nach der Leiche Heims suchen lassen. Auch die Behörde habe Hinweise darauf, dass Heim 1992 in Kairo gestorben sei, sagte ein LKA-Sprecher am Donnerstag und bestätigte damit Berichte von ZDF und "New York Times". Demnach starb der frühere KZ-Arzt am 10. August 1992 in der ägyptischen Hauptstadt an Darmkrebs.

LKA-Sprecher Horst Haug sagte der Nachrichtenagentur AP, die Informationen würden nun amtlich überprüft. "Wir versuchen, den Leichnam zu finden", sagte er. Das alles werde aber eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, weil Recherchen in Ägypten notwendig seien.

Heim soll in den KZs Sachsenhausen, Buchenwald und Mauthausen von 1941 bis 1945 hunderte Menschen mit Giftspritzen ermordet haben. Nach dem Krieg arbeitete Heim bis 1962 unbehelligt in einer Frauenarztpraxis in Deutschland. Dann wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, er tauchte ab. In Deutschland wurde eine Ergreiferprämie ausgesetzt, eine Sonderkommission eingerichtet.

Justizministerium prüft Berichte

Das österreichische Justizministerium teilte indessen mit, es werde die Medienberichte überprüfen.  Nähere Angaben zu den Untersuchungen wurden nicht gemacht. Die österreichische Regierung hatte im Jahr 2007 eine Prämie von 50.000 Euro für zweckdienliche Hinweise zur Ergreifung Heims ausgeschrieben. Österreich ist in den vergangenen Jahren immer wieder wegen seiner angeblich nachlässigen Haltung gegenüber gesuchten NS-Verbrechern kritisiert worden.

Historiker kontaktiert

Das Simon Wiesenthal-Zentrum führte Heim auf der Liste der zehn meistgesuchten Kriegsverbrecher als Nummer 1 und wies bisher alle Todesmeldungen zurück. "An der Oberfläche sieht die ganze Sache sehr ernst aus", sagt Efraim Zuroff, der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem und oberster Nazi-Jäger im Standard-Interview. Im April will das Wiesenthal-Zentrum nun darüber entscheiden, ob Heim tatsächlich von der Liste der meistgesuchten Kriegsverbrecher gestrichen wird. Zuroff gibt allerings zu bedenken, dass eine gewisse Skepsis bleibe: „Heims Familie hat natürlich ein Interesse daran, ihn für tot zu erklären. Andererseits fehlt der schlagendste Beweis - sein Leichnam oder das Grab mit seiner DNA".

Zu Aussagen von Heims Sohn Rüdiger sagte Zuroff: "Entweder lügt er jetzt, oder er hat früher gelogen." Früher habe Rüdiger Heim ausgesagt, er wisse nicht, ob sein Vater lebe oder tot sei und dass er keinen direkten Kontakt habe.

ZDF und New York Times hätten den Historiker Zuroff kontaktiert, die nun vorgelegten Beweise habe er aber nie persönlich gesehen. Tatsächlich wurde Heim bereits öfter für tot erklärt: 2007 tauchte einer der spektakulärsten Erzählungen auf. Der ehemalige israelische Offizier Danny Baz behauptete in einem damals veröffentlichten Buch, dass er 1982 an der Tötung Heims beteiligt war. Eine Gruppe namens „Eule" soll Heim auf eigene Faust ausgeforscht und in Kalifornien getötet haben.

Heim in Südamerika vermutet

Das Wiesenthal-Zentrum hatte Heim eigentlich in Südamerika vermutet. "Wir hatten dafür gute Hinweise", sagt Zuroff. Schließlich sei auch die deutsche Polizei, die der Fall im Gegensatz zu ihren österreichischen Kollegen interessiert habe, davon ausgegangen, dass Heim noch lebe. Dass sich Heim in Ägypten aufgehalten habe, klingt für Zuroff jedenfalls glaubhaft: "Heim hätte keinen besseren Platz auswählen können. Die arabische Welt ist der einzige Ort auf der Welt, wo Menschen wie Heim als Helden behandelt werden."

Sollte Heims Tod nun feststehen, wäre dies sowohl eine „unglaubliche Enttäuschung" als auch eine Erleichterung für Zuroff: "Enttäuschung, weil Heim nie vor Gericht gestellt wurde. Erleichterung, weil die Ungewissheit ein Ende hat". Sollte Heim für Tot erklärt werden, wird der gebürtige Ukrainer und frühere KZ-Aufseher Ivan Demjanjuk seinen Platz auf der Kriegsverbrecherliste einnehmen. (András Szigetvari/'DER STANDARD-Printausgabe, 5. Feber 2009/red)

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