Samtener Beutel der Wohltätigen

4. Februar 2009, 19:03
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Almosentasche österreichischer Provenienz: Kleiner Schatz bei der Brüsseler Messe

Brüssel/Wien - Zwischen all den feilgebotenen Highlights einer Kunstmesse, den großformatigen Vasarelys, den akribisch gewirkten Tapisserien oder aus Marmorblöcken gemeißelten antiken Torsi lauern bisweilen auch Schätze, deren kulturhistorische Relevanz oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist.

Natürlich hatten Handtaschenfreaks einen solchen Schatz im Rahmen der am 1. Februar zu Ende gegangenen Brafa (Brussels Antiques & Fine Arts Fair) inmitten der prall gefüllten Vitrinen von Mathieu und Gabriela Sismann (Paris) schnell erspäht: einen - vor allem für die ausgewiesene Entstehungszeit um 1550-70 - recht großformatigen vierteiligen Beutel aus Sackleinen, mit goldbraunem Samt überzogen und von einem detailreich verzierten eisernen Bügel zusammengefasst. Für die außergewöhnliche Ausführung, so erklärt Gabriela Sismann, sei wohl eine Nürnberger Werkstatt zu vermuten. Gesichert sei dagegen, dass das wohl als Reisetasche genutzte Exemplar ehemals in einer Rothschild-Sammlung gewesen sei, konkret jener der Brüder Albert (1844-1911) und Nathaniel (1836-1905), des österreichischen Zweigs der Rothschild-Familie.

Die lateinische Inschrift am Bügel? Nein, die könne sie leider nicht übersetzen. Im Internet wird man - wenn auch erst nach langwieriger Suche - doch fündig. "Alles hat uns der Herr gegeben, niemandem wird er daher jemals zu wenig geben" (omnia semper dedit nobis dominus nemini ergo dabit unquam minus), so schlüsselt eine Publikation des Oberösterreichischen Landesmuseums die Inschrift schließlich auf.
Der Artikel aus dem Jahr 1976 informiert über einen im Bestand befindlichen und unter der Nummer T 33 inventarisierten Beutel, vom Typus her eindeutig der Kategorie Aumonière zuordenbar. In der europäischen Kulturgeschichte werden diese Almosenbeutel erstmals im Zuge von Reglementierungen der französischen Seidenstickergilden im frühen 13. Jahrhundert erwähnt. Über Darstellungen in der Buchmalerei sind erste Exemplare bereits im 12. Jahrhundert in Europa nachweisbar, dürften aber ihren Ursprung im byzantinischen Raum haben.

Almosenbeutel als Liebesgabe

In besonders reich gearbeiteter Ausführung repräsentierten die Aumonières den Reichtum des Besitzers oder fungierten als Liebesgaben im höfischen Umfeld. Später stand sie für die biblisch gebotene Freigiebigkeit der Christen gegenüber Bedürftigen. Die meisten Exemplare stammten aus französischer Fertigung, solche aus dem deutschen Raum gelten als Raritäten.

Die Beschreibung der Tasche in dem Artikel stimmt mit der nun in Brüssel angebotenen in vielen Details überein. Und tatsächlich handelt es sich um das gleiche Exemplar, wie Lothar Schultes, Leiter der Abteilung Kunstgeschichte am Oberösterreichischen Landesmuseum, bestätigt. Noch 1976 wusste man nichts über die Herkunft dieses Beutels und hatte entsprechend hauseigener Quellen eine Widmung aus dem Jahr 1862 vermutet. Erst im Zuge der unter dem entsprechenden Bundesgesetz aus dem Jahr 1998 intensiver betriebenen Nachforschungen stellte sich heraus, dass die Tasche Teil der 1938 beschlagnahmten Rothschild-Sammlung war und zu jenen Kunstwerken gehörte, die Clarice de Rothschild - als Gegenleistung für Ausfuhrgenehmigungen anderer - 1948 dem Museum schenkte.

Zusammen mit einer Rokoko-Sänfte, so zitiert Schultes das damalige Übernahmeprotokoll, sowie zwei gotischen Figuren und einem kleineren Seidenbeutel sei die Aumonière an Bettina Loram-Rothschild im Juli 2001 restituiert worden. Am 14. November 2002 fiel für dieses Beispiel europäischer Kulturgeschichte bei Christie's in London der Hammer bei 4541 Pfund, damals umgerechnet rund 7000 Euro. Der aktuelle Kaufpreis liegt bei 35.000 Euro. (kron/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.2.2009)

  • Aumonière (16. Jh.).
    foto: christie’s

    Aumonière (16. Jh.).

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