Erforscher komplexer Katastrophen

3. Februar 2009, 20:43
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Der Physiker Stefan Thurner berechnet, wie Systeme ins Kippen kommen können

Es gibt wohl kaum einen Forscher in Österreich, der in den letzten Monaten medial so internationale Beachtung fand wie Stefan Thurner: Die New York Times hat über seine Arbeiten ebenso berichtet wie die Times of India. Größere Artikel gab es aber auch in Australien, Brasilien, China, Großbritannien, Malaysia oder Russland. Dabei macht Stefan Thurner, der dieser Tage vierzig Jahre alt wird, alles andere als einfache Wissenschaft.

Thurner ist habilitierter theoretischer Physiker, promovierte danach auch noch in Wirtschaftswissenschaften und ist im engeren Sinne Komplexitätsforscher. Als solcher leitet er eine Arbeitsgruppe mit dem netten Akronym Cosy, was für Complex Systems (Research Group) steht. Zudem forscht er seit Juli 2007 zusätzlich noch als externer Professor am US-amerikanischen Santa Fe Institute im erlauchten Kreis von einigen Nobelpreisträgern.

Was die Erkenntnisse von Thurner und seinen jungen Kollegen für die Medien, aber auch die wissenschaftliche Fachöffentlichkeit von Nature bis New Scientist so interessant macht, ist ihre hohe praktische Relevanz. So haben sich die Forscher unter anderem mit der Frage beschäftigt welche Zusammenhänge es zwischen der Größe einer Regierung und ihrer Effizienz gibt.

Dabei stießen auf recht eindeutige Ergebnisse: Bis zu zwanzig Regierungsmitglieder ist eine gute Größe für so ein System. Sind es mehr, wird es ineffizient. Das hatte schon der 1993 verstorbene britische Historiker Cyril Northcote Parkinson behauptet. Thurner und seine Mitarbeiter konnten nun sowohl durch Nationenvergleiche als auch durch komplexe mathematische Modellierungen Parkinsons Gesetz bestätigen.

Kein Wunder, dass sich Medienvertreter rund um den Globus für solche Forschungen interessieren, die dabei noch gar nicht offiziell veröffentlicht sind, sondern gerade einmal am elektronischen Preprint-Server arXiv erschienen.

Entscheidungsgremien sind aber nur eines der verschiedenen Systeme, mit denen sich Thurner und seine jungen Kollegen mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF und des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) befassen.

Mithilfe komplexer Mathematik wie Zufallsmatrizen und Netzwerkanalysen simulieren sie in Modellen auch Finanzmärkte oder Immunsysteme - und errechnen, wie sie kollabieren können. "Alle Systeme, die evolutionsfähig sind, sind auch für Krisen anfällig", sagt Thurner. "Fünf Faktoren können ausreichen, um zu Katastrophen zu führen - wenn sie zufällig ,richtig' zusammenkommen."

Der Zufall spielte freilich auch im bisherigen Lebensweg des gebürtigen Innsbruckers eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Ursprünglich wollte er nämlich Musiker werden, ehe er eine bereits weit gediehene Ausbildung an der Klarinette zugunsten eines Studiums der Physik aufgab. Und dass er nach Forschungsaufenthalten in New York, Berlin und Boston ausgerechnet an der HNO-Klinik der Med-Uni Wien seine produktive Forschungsgruppe Cosy aufbauen würde, war auch nicht wirklich abzusehen.

Der Musik ist der mit mehr als hundert Fachpublikationen und drei Patentanträgen höchst produktive Forscher zumindest in der Freizeit halbwegs treu geblieben: Thurner ist Klarinettist des Kammermusikensembles "Dilletanti Mvsici". Mit den Einnahmen der Konzerte wird ein kolumbianisches Schulprojekt unterstützt. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 04.02.2009)

  • Stefan Thurner: "Alle Systeme, die evolutionsfähig sind, sind auch krisenanfällig."
    foto: standard/c. fischer

    Stefan Thurner: "Alle Systeme, die evolutionsfähig sind, sind auch krisenanfällig."

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