"Unglaubliche Niedertracht"

2. Februar 2009, 18:09
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Rudolf Leopold meldet sich mit befremdlichen Ansagen zu Wort - Eine Analyse

Der jahrelangen Vertröstungen überdrüssig, startete die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) im November des Vorjahrs, just am 70. Jahrestag der Reichspogromnacht, eine Art Kampagne gegen die Stiftung Leopold: mit der Affichierung des Plakats "Tatort Raubkunst" am Museumsgebäude. Und im Dezember hatte sie ein eher ungewöhnliches Geschenk parat: ein Modell des Leopold Museums aus Karton - mit der Aufschrift "Raubkunst Museum".

Im Begleitschreiben heißt es: "Wieder ist ein Jahr vergangen, ohne dass die Leopold Museum Privatstiftung gesetzlich dazu verpflichtet wurde, NS-Raubkunst zurückzugeben. Ebenso wenig hat die Stiftung freiwillig Rückgaben von Raubkunst getätigt, was sie jedoch per Stiftungsbeschluss jederzeit tun könnte. Der Rechtsstreit um das Bildnis Wally von Egon Schiele, das 1998 in New York aus der Sammlung beschlagnahmt worden ist, verschlang bereits mehrere Millionen Euro an Steuergeldern."

Die Aktionen der IKG zeitigen bereits Wirkung: Rudolf Leopold reagiert auf Anfragen befremdlich. Etwa mit Verweigerung: Die Welt wollte die Standpunkte der Kontrahenten "in möglichst sachlicher, fairer Weise" gegenüberstellen, doch nur Erika Jakubovits, Exekutivdirektorin des IKG-Präsidiums, antwortete auf die Fragen.

Der Wochenzeitung Die Furche hingegen gab Rudolf Leopold ein Interview. Er stilisierte sich wieder zum Märtyrer: Er bereue, seine Bilder "hergegeben" zu haben. Und in News wendet er sich "an die Verleumder- und Lügnerclique Muzicant, Jakubovits und Konsorten": Er nimmt zu sieben Punkten Stellung, die er als "Lügen" bezeichnet. Sowohl Die Furche als auch News ließen sämtliche Behauptungen unwidersprochen im Raum stehen. Doch nur weil Leopold diese immer wieder mit Inbrunst von sich gibt, werden sie nicht wahrer.

So sagt der Augenarzt, dass die Betriebskosten für das Museum "nur zu einem Drittel bis Fünftel dessen, was jedes andere Museum erhält, von der öffentlichen Hand abgedeckt" würden - dies sei "eine unglaubliche Niedertracht". Tatsache ist: Im Jahr 2007 erhielt die Stiftung Leopold 2,75 Millionen Euro vom Bund, das weit größere Belvedere 4,67 Millionen, also nicht einmal das Doppelte.

2008 besuchten 807.283 Menschen das Belvedere - und nur 291.000 das Leopold Museum. Auch wenn Leopold, Direktor bis zum Tod, sein Haus als "Tourismusmagnet" rühmt: Es bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. 1994, als das "Bundesgesetz über die Finanzierung des Erwerbs der Sammlung Leopold" beschlossen wurde, argumentierte man, dass das Museum - man rechnete mit 600.000 Besuchern pro Jahr - deckungsgleich operieren, also keine Subventionen benötigen werde.

So gesehen sind 2,75 Millionen Euro jährlich eine beträchtliche Summe. Dennoch spricht Leopold von einem "Hungerbudget" und beklagt, vom Staat keine finanzielle Hilfe im Prozess um das Bildnis Wally erhalten zu haben. Dass Steuergelder verwendet wurden, sei daher eine "Lüge". Vielleicht sollte Kulturministerin Claudia Schmied die Subvention um jene Beträge kürzen, die von der Stiftung für das Verfahren ausgegeben werden: Vielleicht würde Leopold dann verstehen, dass sehr wohl Steuergelder verwendet werden.

Es ist auch keine "Lüge", wenn Muzicant darauf hinweist, dass die Stiftung von sich aus einzelne Bilder zurückgeben könnte. Aber eine Naturalrestitution ist eben nicht im Sinn von Rudolf Leopold. Auch wenn er weiterhin beteuert, an einer Klärung der "strittigen Fälle" interessiert zu sein. Und auch wenn seine Frau Elisabeth ergänzt: "Ich möchte nicht mit diesen Provenienzvorwürfen sterben."

Denn bereits vor mehr als acht Jahren, am 2. November 2000, gab Leopold eine eidesstattliche Erklärung ab, in der es heißt: "Ich bestätige, dass ich niemals bewusst auch nur ein Stück sogenannter ,Raubkunst‘ erworben habe und dass ich auch in jenen wenigen Fällen, in denen der Verdacht der diesbezüglichen Bedenklichkeit (...) aufgetaucht ist, an einer korrekten Abklärung derartiger Provenienzfragen interessiert bin." In all den Jahren wurde zu keinem einzigen Fall ein Dossier vorgelegt. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 03.02.2009)

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