Muslime hinter Mauern

28. Jänner 2009, 18:48
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Es gibt ein Integrationsproblem - und das hat auch mit dem Islam zu tun - Von Gerald John

Da soll noch einer behaupten, Österreichs Muslime wollten sich nicht integrieren. Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, ist ein wandelndes Gegenbeispiel. Die in der heimischen Politik so beliebte Technik des Abwiegelns und Rausredens beherrscht der gebürtige Syrer, der seit 1964 in Österreich lebt, jedenfalls perfekt. Dies demonstrierte Schakfeh in der Reaktion auf jene Studie, die muslimischen Lehrern ein problematisches Verhältnis zur Demokratie attestiert: "Wenn ein Lehrer eine private Meinung hat, die er nicht in der Schule äußert, dann habe ich damit nichts zu tun."

Ein rundes Viertel dieser Lehrer, die an öffentlichen Schulen Religion unterrichten, müsste demnach unter Persönlichkeitsspaltung leiden. Laut der vom Falter veröffentlichten Umfrage lehnen 21,9 Prozent der Befragten die Demokratie ab, weil sie mit dem Islam nicht vereinbar sei. 27,1 Prozent sagen dasselbe von der Menschenrechtserklärung. Glaubt Schakfeh allen Ernstes, diese Leute werden im Unterricht Prinzipien verfechten, die sie von Herzen eigentlich ablehnen? Der Verdacht liegt nahe, dass das muslimische Oberhaupt die Augen bewusst vor einer unangenehmen Tatsache verschließt: Es gibt ein Integrationsproblem - und das hat auch mit dem Islam zu tun.

Die neue Studie untermauert wissenschaftlich, was Sozialarbeiter, Frauenrechtlerinnen und andere Experten seit Jahren berichten. In den muslimischen Communities macht sich ein problematisches Islamverständnis breit. Beileibe nicht alle Muslime lassen sich infizieren, seit dem 11. September 2001 aber immer mehr. Vor allem Zuwanderer der zweite und dritten Generation, von Arbeitslosigkeit bedroht, vom goldenen Westen enttäuscht, suchen demnach eine neue Identität im Glauben. Werte wie Toleranz, Liberalismus und Emanzipation ersetzen sie durch streng ausgelegte religiöse Gebote, die sie offenbar auch von muslimischen Autoritäten offeriert bekommen.

Regelmäßig gerät die Rolle von Imamen und Religionslehrern ins Zwielicht. Einmal tauchen fragwürdige Passagen in einem jahrelang verwendeten Schulbuch auf, dann wieder das "Rechtsgutachten" eines angesehenen Gelehrten, das ein mittelalterliches Frauenverständnis offenbart. Zuletzt beschwor der prominente Prediger Adnan Ibrahim anlässlich des Gazakriegs den "gemeinsamen Sieg" der Muslime und lobte die Hamas, die "für uns alle" gegen Israel Widerstand leiste. Derartige Appelle lassen sich radikal interpretieren und fördern die Abschottung von Muslimen, die sich mitunter ohnehin ausgegrenzt fühlen.

Muslimische Vertreter verlegen sich gerne aufs Mauern: Sie fühlen sich missverstanden, diffamiert, ins Eck gedrängt - und können auf ungewöhnlichen Rückhalt bauen. Wer etwa vor "Parallelgesellschaften" warnt, wird in aufgeklärten Kreisen schnell verdächtigt, das Geschäft der FPÖ zu erledigen. Ein paradoxer Reflex: Gerade Linksliberale legen sonst - vom Antisemitismus bis zum Fremdenhass - zu Recht den Finger auf die wunden Punkte der Gesellschaft. Warum soll ausgerechnet muslimischen Bürgern eine derartige schmerzhafte Debatte erspart bleiben?

Erneuerung lässt sich nicht von oben dekretieren, sie muss in erster Linie aus der Glaubensgemeinschaft selbst kommen. Dazu gehört, Probleme ehrlich zu benennen, um dann mit Bildungsarbeit gegenzusteuern. Denn hoffnungslos ist die Situation nicht - auch das zeigt die aktuelle Studie. Drei Viertel der Lehrer haben kein Problem mit der Demokratie, was die sture Behauptung widerlegt, diese sei mit dem Islam per se inkompatibel. Und auch eine andere Zahl relativiert das Klischee des muslimischen Eiferers: Ebenso viele Schüler wie solche, die den islamischen Religionsunterricht besuchen, melden sich davon ab. (Gerald John/DER STANDARD Printausgabe, 29. Jänner 2009)

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