"Wir hoffen auf Obama"

28. Jänner 2009, 17:35
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Die japanischen Wirtschaftskapitäne schauen gebannt auf die Konjunkturmaßnahmen der USA

Die japanischen Wirtschaftskapitäne schauen gebannt auf die Konjunkturmaßnahmen der USA. Die würden zumindest den dramatisch eingebrochenen Export wieder ankurbeln. Die Binnennachfrage dagegen dürfte auch der eben präsentierte Rekordhaushalt nicht nachhaltig steigern.

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Tokio - Die Elite des japanischen Wirtschaftslebens ist gekommen: Der Chef der All Nippon Airways ist da, fast die gesamte Toyota-Spitze, der Generaldirektor der japanischen Industriellenvereinigung Keidanren und der Präsident des Kaufhauskonzerns Mitsukoshi. Alle wollen Fujio Cho ihre Reverenz erweisen. Der Aufsichtsratschef von Toyota bekommt das Große Silberne Ehrenzeichen mit dem Stern verliehen, den höchsten Orden, den die Republik Österreich zu vergeben hat.

Als Nationalratspräsidentin Barbara Prammer das Ehrenzeichen in der österreichischen Botschaft in Tokio an Cho übergibt, zeigt sich der sichtlich gerührt: „Österreich ist das Traumland der Japaner. Und es bewegt mich, dass mein Traumland mich ehrt." Es sollte an diesem Mittwoch der einzige Augenblick der Rührung bleiben. Die Zeiten sind hart, Sentimentalitäten sind dieser Tage nicht angebracht. Die japanischen Wirtschaftskapitäne müssen durch schwere See navigieren.

"Die Nachfrage ist weltweit völlig zusammengebrochen", sagt Keidanren-Chef Yoshio Nakamura im Gespräch mit dem STANDARD. Die japanische Exportquote sei im freien Fall, Beschäftigte würden abgebaut, der starke Yen sitze den Unternehmen im Genick. "Wir brauchen mindestens ein Jahr, um aus diesen Schwierigkeiten herauszukommen. Wir hoffen auf Präsident Barack Obama und seine Konjunkturpakete, das muss die amerikanische Nachfrage wieder ankurbeln."

Im Inland sieht es für die japanische Wirtschaft derzeit nicht besser aus. Die Automobilindustrie etwa hat mit 3,2 Millionen neuen Autos die schlechtesten Zulassungszahlen seit 1974 geschrieben. Selbst bisher hochrentable Konzerne wie Toyota kommen dadurch in grobe Schwierigkeiten: 2007 schrieb man noch einen Gewinn von 19 Milliarden US-Dollar, für das Vorjahr wies das Paradeunternehmen mit 1,25 Mrd. Dollar Abgang den ersten Verlust seiner 70-jährigen Geschichte aus. Der größte Autoproduzent der Welt wird heuer nur sieben Millionen Neuwagen bauen, um rund 20 Prozent weniger als noch 2008 (siehe Interview). In den japanischen Werken muss kurzgearbeitet und entlassen werden, in Kanada und den USA werden 20 Fabriken zeitweise geschlossen.

Bei Honda stellt sich die Situation nur wenig besser dar. "Wir sind stark im Kleinwagensegment engagiert, uns betrifft der Absatzeinbruch nicht ganz so stark wie andere", erklärt Takao Aoki, der Kommunikationsdirektor des zweitgrößten japanischen Autobauers. Dennoch: Die Verwerfungen in der Branche seien enorm. Er wisse nicht, ob sein Unternehmen längerfristig überhaupt noch Autos bauen werde. "Wir arbeiten hart an der Weiterentwicklung unseres Roboters Asimo, mit dieser Technologie könnte in einer stark alternden Gesellschaft wie der japanischen in 50 Jahren mehr Geld zu verdienen sein als mit Autos."

Die japanische Regierung versucht unterdessen mit konjunkturbelebenden Maßnahmen entgegenzuhalten. Am Mittwoch stellte sie einen Entwurf für einen Rekordhaushalt im Umfang von 88,5 Billionen Yen für das Fiskaljahr 2009/2010 vor. Ein Nachtragsbudget eingeschlossen sind darin Konjunkturmaßnahmen von 75 Billionen Yen (zwei Prozent des BIP) vorgesehen. Ob das Geld die Nachfrage in Japan tatsächlich stärken kann, bleibt dennoch fraglich. Vor allem die vielen alten Japaner halten sich bei Ausgaben zurück. Dazu ist die japanische Infrastruktur hervorragend, es gibt kaum mehr unasphaltierte Straßen oder Bäche, die nicht eingefasst sind.

Wachstumsimpulse für die Binnenkonjunktur sind so sehr schwer zu erzeugen. Wirtschaftsminister Kaoru Yosano brachte das Dilemma der japanischen Konjunkturpolitik unlängst so auf den Punkt: "Ich habe ein Auto, einen Kühlschrank, einen Fernseher und alles, was ich zu einem angenehmen Leben brauche. Was soll ich mir denn sonst noch alles anschaffen?!" (Christoph Prantner, Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.1.1.2009)

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