Frederic Morton zur US-Lage: "Der Kultur geht's miserabel, aber was soll man tun?"

19. Jänner 2009, 17:00
2 Postings

Der in Wien gebürtige US-Schriftsteller im Gespräch über die übertriebenen Hoffnungen und seine private Skepsis, die Signalwirkung von Obama und die niedrige Priorität von Kultur

Mit Frederic Morton sprach Michael Freund.

 

Der Standard: Welches Gefühl haben Sie, Amerika betreffend, am Vorabend der Inauguration?

Morton: Ich bin erleichtert. Es kann nicht mehr schlimmer werden, und es gibt eine Chance, dass es besser wird. Die Probleme dieses Landes waren immer ganz besonderer Natur, was der Rest der Welt nicht sieht ...

Der Standard: Was sieht der Rest der Welt nicht?

Morton: Dass es so etwas wie den amerikanischen Traum gegeben hat. Das judäo-christliche Erbe, das die meisten von uns in sich tragen, erzeugt einen normen Druck, dass wir erfolgreich sein, unser Potenzial verwirklichen müssen. Dafür muss es dann ein gelobtes Land geben. Das erste war Palästina, für die Juden wie für die Christen. Und jetzt ist diese Last den Vereinigten Staaten zugefallen, als sie gegründet wurden. Darum ist es ihnen nicht erlaubt, etwas Falsches zu tun.

Der Standard: Was wird aus den Hoffnungen werden, die man auf Obama setzt?

Morton: Sie können gar nicht realistisch sein, weil der weltweite Jubel ebensolche Erwartungen erzeugt hat, die niemand erfüllen kann. Andererseits ist er außergewöhnlich nicht nur als Persönlichkeit, sondern auch in der Art, wie er bei so enormem Druck cool bleibt.

Wenn ich mir aber seine Entscheidungen ansehe, wer in sein Kabinett kommt, dann sind die alles andere als "Change". Vielmehr bedeuten sie eine Re-Etablierung des schon Gehabten. Was mich am meisten stört, ist die Ernennung von Dennis Blair zum Direktor der Nationalen Nachrichtendienste. Blair war als Admiral im Pazifik noch mehr Falke und noch kolonialistischer, als sein Mandat während der Clinton-Regierung es vorsah. Dem muss nun der Chef der CIA berichten, das finde ich sehr beunruhigend. Auch Clinton und Gates sind keine Zeichen für Veränderungen.

Man kann zu Obamas Verteidigung sagen, dass er sich auf erfahrene Leute verlassen können muss, um einen Kurswechsel zu vorzunehmen. Und er hat auf die Frage, wie er diese Ernennungen mit Veränderungen vereinbaren kann, auch geantwortet, dass Change seine höchste Priorität und sein Job als Präsident sei. Und das ist ein kleiner Grund für Hoffnung. Es könnte aber auch ein umgekehrter Nixon-China-Effekt sein.

Der Standard: Was meinen Sie damit?

Morton: Nun, alleine die Tatsache, dass er als Afroamerikaner Präsident geworden ist, ist bereits ein derartiger Wandel, dass er sozusagen auf dieser Welle reiten kann, ohne sonst viel verändern zu müssen. Er kann also auch eher die Dinge in einer nicht-progressiven Weise angehen und kommt damit vielleicht durch. Das ist so, wie Nixon eine Politik, nämlich die Öffnung gegenüber China, durchführen konnte, die man einem mehr linksgerichteten Politiker nie erlaubt hätte. Oder so wie nur de Gaulle Frankreich aus Algerien abziehen konnte. Schon die Medienkritik wird eben dadurch etwas schwächer, dass Obama ist, wer er ist.

Es erinnert mich an noch etwas. Ich habe einmal, ca. 1970, ein Porträt über den schwarzen Schauspieler Sidney Poitier geschrieben, der damals der größte Kassenmagnet im US-Kino war. Auf meine Frage, ob das bedeutete, dass sich die Amerikaner in Rassenfragen grundsätzlich geändert hätten, erzählte er mir als Antwort von einem alten Film. In dem spielte Spencer Tracy ein einarmigen Mann, der zum kämpfenden Helden wurde. Ich fragte Poitier, was er mir damit sagen wollte. Und er meinte, naja, ich bin auch der Held in Filmen, obwohl ich ein Schwarzer bin. Aber das bedeutet ebenso wenig, dass das Publikum jetzt alle Schwarze mag, wie Tracys Film bedeutet hat, dass sich die Leute danach mehr um einarmige Menschen gekümmert haben. Es machte die Figur halt interessanter, so wie in meinem Fall.

Ich halte es für möglich, dass es bei Obama so ähnlich laufen könnte.

Der Standard: Was gibt es zu der finanziellen Situation zu sagen?

Morton: Es geht im Grunde hier auch um das, was ich in meinem neuen Buch "fundamentalistischen Individualismus" nenne, diese fanatische Insistieren, dass es keine Beschränkungen geben darf.

Der Standard: Will Obama da nicht sowieso eingreifen?

Morton: Also mein Kongressabgeordneter Jerry Nadler, der sich in solche Dingen gut auskennt, sagt, dass das Anreiz-Paket des Budgets von Obama nur halb so groß ist, wie es sein sollte, und dass die darin enthaltenen Steuererleichterungen für die Unternehmer eine Konzession sind, die er nie hätte machen dürfen.

Andererseits weiß ich, dass auch Roosevelt, als er an die Macht kam, viel konservativer war und erst danach an dem New Deal arbeitete, der das Land aus der Wirtschaftskrise holte. Als ich 1940 in dieses Land kam, ging ich auf eine großartige Berufsschule (ich lernte das Bäckerhandwerk): Sie war das beste Aushängeschild für die neue Politik.

Der Standard: Über ein Thema wird zur Zeit überhaupt nicht geredet, weil es offenbar Wichtigeres zu tun gibt, nämlich über Kultur. Ist da nichts, oder erfährt man nur nichts?

Morton: Ich weiß auch nichts. Man muss wirklich verstehen, in welcher Panik dieses Land lebt. Kultur war immer ziemlich weit unten auf der Prioritäts-Skala; jetzt schwindet auch noch das Sponsoring. Aber wenn sich Obama für dieses Gebiet stark zu machen beginnt, dann wird die Opposition der Konservativen nur noch viel größer: Steuerlich absetzbare Spenden für ein öffentliches Radio, das eh nur die Regierung angreift?! Wo kommen wir da hin??

Der Standard: Was ja zum Teil stimmt.

Morton: Natürlich stimmt das. Also wenn er das macht, dann ist das nur Wasser auf die Mühlen der Konservativen. Daher steht so was derzeit nicht auf der Agenda. Der Kultur geht's miserabel, aber was soll man tun?

Der Standard: Weil Sie sagten, dass Sie zum Bäcker ausgebildet wurden: Was sagen Sie zur Nahrungsmittelproduktion in Amerika und zu den damit verwandten Themen Gesundheit und Subventionspolitik?

Morton: Die landwirtschaftliche Situation ist in den Vereinigten Staaten schon seit langem katastrophal. Es gibt nicht Schädlicheres für die Umwelt, für den Boden, für den Magen als die auf Rindfleisch konzentrierte amerikanische Diät. Die Subventionen gehen hauptsächlich an die Nahrungsmittelindustrie, an die größten Farmen. Diese Politik zerstört den Boden ebenso wie unsere Gesundheit, sie trägt zur globalen Erwärmung ebenso bei wie unsere Autokultur, die ein weiteres Desaster ist.

Gut, ich habe kein Auto, ich fühle mich daher wie ein Heiliger (lacht). Aber alles, was ich sagen kann, ist: Ja, das alles sollte angesprochen werden. Aber das passiert nicht. Und das sind enorme Lücken in Obamas Programm. Gleichzeitig muss man sagen: Es ist eben nicht politisch sexy. Obama sagt wohl zu Recht: Erst einmal müssen die Menschen Arbeit haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2009; Langfassung)

  •  
Zur Person:Frederic Morton (84), in Wien als Fritz
Mandelbaum geboren, amerikanischer Schriftsteller und Sachbuchautor
(u.a. "Die Ewigkeitsstraße", "Wetterleuchten 1913/14", "Die
Rothschilds"). 
Zur Zeit arbeitet Morton an dem Buch "Myth America". Sein Musical
"Rudolf - Ein letzter Walzer" wird am 26. Februar im Wiener
Raimundtheater Premiere haben. Morton lebt in New York.
    foto: standard/corn

     

    Zur Person:
    Frederic Morton (84), in Wien als Fritz Mandelbaum geboren, amerikanischer Schriftsteller und Sachbuchautor (u.a. "Die Ewigkeitsstraße", "Wetterleuchten 1913/14", "Die Rothschilds").

    Zur Zeit arbeitet Morton an dem Buch "Myth America". Sein Musical "Rudolf - Ein letzter Walzer" wird am 26. Februar im Wiener Raimundtheater Premiere haben. Morton lebt in New York.

Share if you care.