Mehr Macht an Brüssel

14. Jänner 2009, 19:28
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Sehenden Auges haben unsere Vertreter in Brüssel den Gas- Konflikt auf eine Explosion zutreiben lassen - Von Günther Strobl

Weil sich die EU-Mitgliedsländer auf keine einheitliche Linie in Fragen der Energiepolitik zusammenraufen können, haben Länder mit einem Quasi-Monopol auf lebenswichtige Rohstoffe wie Russland, aber auch Transitländer wie die Ukraine leichtes Spiel. Seit Herbst hat sich abgezeichnet, dass beide Länder auf einen Showdown zusteuern, das vierte Mal in Folge, pünktlich zum Jahreswechsel. Sehenden Auges haben unsere Vertreter in Brüssel den Konflikt auf eine Explosion zutreiben lassen.

Nun ist man geschreckt - und reagiert übertrieben. Nun wird wieder der Lobgesang auf das Atom angestimmt - zwar nicht in Österreich, aber in den meisten anderen Mitgliedsländern der EU. Kalte Wohnungen im Südosten Europas, stillstehende Fabriken und Mangelbewirtschaftung in weiten Teilen Resteuropas haben den Menschen mit einem Schlag deutlich vor Augen geführt, dass die Versorgung mit Gas so sicher gar nicht ist. Da wirkt die Empfehlung von EU-Frontmann Barroso wie ein Hohn, die Unternehmen sollten doch bitte schön klagen, wenn sie die vertraglich fixierten Gasmengen nicht erhalten.

Aber auch der Hype, den die Atomkraft in manchen Ländern derzeit erlebt, ist ein Irrweg. Uran ist ein noch weit begrenzterer Rohstoff, als es Gas ist. Europa würde sich in eine neue Abhängigkeit begeben - mit allen Folgeproblemen. Einziger Ausweg aus der Krise scheint zu sein, dass Europa seine Macht demonstriert. Dazu müssen die Mitgliedsländer eigene Macht abtreten und Brüssel mehr Macht einräumen. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.1.1.2009)

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