Blamage für EU-Vorsitz: Tschechischer Künstler David Cerny bluffte

14. Jänner 2009, 16:54
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Installation "Entropa": 26 Künstler "aus ganz Europa" erfunden - Nach Protesten entschuldigte sich Europaminister Vondra offiziell

Brüssel/Prag - Ein Kunstwerk über die Vorurteile in Europa ist zu einer Riesen-Blamage für den tschechischen EU-Vorsitz geworden. Kurz vor der geplanten Einweihung der Installation am Donnerstag ließ der tschechische Künstler David Cerny den Bluff auffliegen: Das von der Prager Regierung in Auftrag gegebene Werk sei allein von ihm entworfen und nicht von 27 Künstlern aus ganz Europa, wie ursprünglich angegeben.

Das rund zehn mal zehn Meter große Werk namens "Entropa" hängt seit Montag im Eingangssaal des Brüsseler EU-Ratsgebäudes und nimmt Vorurteile über die 27 Mitgliedstaaten aufs Korn. Das Werk, das die Länder mit Stereotypen ins Lächerliche zieht, wurde am Donnerstag, nun mit Vorbehalten und Entschuldigungen, im Brüsseler Ratsgebäude als Beitrag der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft präsentiert. Die Präsidentschaft hatte das Werk am Montag als "Projekt von Künstlern aus allen 27 EU-Staaten" angekündigt und einen Katalog mit deren Biographien verbreitet.

Europaminister Alexandr Vondra äußerte sich  "schockiert" über den Schwindel:  "Ich entschuldige mich bei Bulgarien und seiner Regierung, wenn sie sich angegriffen fühlen". Dies gelte auch für alle anderen, die sich beleidigt fühlten. Sollte Bulgarien, auf dem Kunstwerk als "türkische Toilette" dargestellt, darauf bestehen, "werden wir es entfernen, wir werden das sicher machen", versicherte Vondra. Gleichzeitig distanzierte sich Vondra von der Sicht des Urhebers  Cerny auf Europa. Das Kunstwerk bringe nicht zum Ausdruck, wie die tschechische EU-Präsidentschaft Europa sehe, sagte Vondra. "Entropa ist nur Kunst, nicht mehr und nicht weniger." Tschechien habe mit der Installation zeigen wollen, dass zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges Zensur keinen Platz in Europa habe. Nach Angaben von Vondra soll das Kunstwerk während des gesamten EU-Vorsitzes seines Landes bis Juni im Brüsseler Ministerratsgebäude bleiben.

"... ob Europa über sich selbst lachen kann"

Cerny hatte am Dienstag eingeräumt, für alle bissigen  Länderporträts selbst verantwortlich zu sein. Der angebliche deutsche Beitrag ist eine Deutschland-Karte, durchzogen von Autobahnen, die einem Hakenkreuz ähneln. Laut Katalog stammte das Werk von dem Künstler Helmut Bauer. Dieser ist aber nach Cernys Angaben genauso fiktiv wie die 25 anderen Schöpfer. Die Darstellung Österreichs als grüne Wiese mit vier Kühltürmen lieferte angeblich die Künstlerin Sabrina Unterberger. Im offiziellen Katalog wird Sabrina Unterberger angeführt als Mitwirkende der Ausstellung "Gegengewalt" im Jahr 2002 in der Galerie Grita Insam in Wien. "Die Ausstellung gab es. Aber wir haben diese Künstlerin nicht gehabt", sagte Melanie Harl von der Galerie Grita Insam am Mittwoch.

Sabrina Unterberger  lebt in Oberösterreich, aber nicht als Künstlerin, und sie wollte sich auf Standard-Anfrage nicht zur "Verwechslung" äußern. Die Biografie, die Cerný für Österreich klaute, stammt vom Kärntner Ernst Logar. Er befindet "Entropa" als ein "gelungenes" Werk, vom Diebstahl seiner Biografie wusste er bislang nichts. Deutschlands "Helmut Bauer" soll 2003 das Werk "Zeitlos aufgefädelt" geschaffen haben. Die verwendete Biografie stammt von Andrea Borst, die Schmuck herstellt und in München und Spanien lebt. "Übergriffig" sei es, dass man ihre Vita verwende: "Cernýs Auftragwar ein anderer." Auch habe er anderen Künstlern die Möglichkeit geraubt, sich zu äußern. Das eine Kunsthandwerkerin gewählt wurde, findet Borst "überraschend", doch hat "Deutschland im EU-Vergleich eine sehr große Szene".

Cerny gilt in der Kunst-Szene als Provokateur. Seine "Entropa"-Installation zeigt etwa Dänemark zusammengesetzt aus Lego-Steinen, bei näherer Betrachtung erweisen sich die Bausteine als Bildnis der umstrittenen Mohammed-Karikatur, die 2006 zu weltweiten Protesten in der muslimischen Welt geführt haben. Offiziell angeführt als Mit-Urheberin des dänischen Beitrages wird die Künstlerin Susan Malberg Albertsen, die auch von der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau ausfindig gemacht wurde, aber nach eigenen Angaben nie etwas von Cerny oder dem "Entropa"-Projekt gehört hat. "Das ist sehr unangenehm und rotzfrech", sagte sie der Agentur. Der als Provokateur bekannte Künstler Cerny nimmt die Aufregung gelassen: "Uns interessierte, ob Europa über sich selbst lachen kann", sagte er in Prag.

" ...doch ziemlich stark"

Bulgarien hatte am Dienstag bereits offiziell Protest gegen die Darstellung des Landes als Steh-Toilette eingelegt. Auch andere Länder kommen wenig schmeichelhaft weg: Über dem Umriss Frankreichs hängt ein Banner mit der Aufschrift "Streik", Schweden ist in einen IKEA-Karton verpackt. Spanien ist komplett zubetoniert, eine Anspielung auf die Bauwut des Landes. Der tschechische Ministerpräsident Mirek Topolanek will sich selbst ein Bild über "Entropa" machen, dem seine Regierung offenbar auf den Leim gegangen ist. "Was Kunst angeht, bin ich nicht so gut. Ich weiß nicht, ob das ein Kunstwerk ist. Ich habe es noch nicht gesehen. Ich werde es mir dann anschauen, worüber alle lächeln und entrüstet sind", sagte er am Mittwoch im EU-Parlament in Straßburg.

Die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin übte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" Kritik. "Das Kunstwerk strapaziert die Freundschaft mit den anderen EU-Ländern doch ziemlich stark", warf Koch-Mehrin der tschechischen Regierung vor. Sie sei sehr für Meinungs- und Kunstfreiheit, zudem seien die Tschechen stolz auf ihren Humor. Die Regierung in Prag habe aber nicht wirklich geschickt gehandelt.

Mystifizierung

Cerny entschuldigte sich bei seiner eigenen Regierung, "die ich absichtlich hinters Licht geführt habe". Er und sein Team hätten sich mit der Installation vor allem über sich selbst lustig machen wollen. Cernys Künstler-Kollege Tomas Pospiszyl sagte, das Team könne es akzeptieren, wenn der Bulgarien-Teil der Installation entfernt werde.  Cerny kündigte an, jene staatliche finanzielle Unterstützung, die er für das Projekt - Gesamtkosten 9.000 Euro - erhalten sollte, wieder an die Regierung zurückzugeben. Er fühle sich nicht als Sieger, sagte Cerny. "Wir hatten ernsthaft erwartet, dass es als Witz und als nettes Kunstwerk genommen würde." Pospszyl ergänzte, es sei dem Team von Anfang an klar gewesen, dass das Werk für Kontroversen sorgen würde. "Von Anfang an war das angelegt als Schwindel, eine Mystifizierung, die entlarvt werden würde."   (APA/red)

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    Wiese mit AKW-Kühltürme: "Österreichs Beitrag" zu "Entropa" von "Sabrina Unterberger"

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    Ein "Werk des deutschen Künstlers Helmut Bauer"

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    Kann gut grinsen: David Cerny

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