"Der Reiz, eine Kunstsprache zu entwickeln"

13. Jänner 2009, 18:06
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Defekte Mobiltelefone, gehässige Internet-Postings, gestohlene Körper und andere Missgeschicke

Wien - Um es gleich zu sagen: Daniel Kehlmann ist nicht der einzige Autor der neun Geschichten in seinem neuen Buch Ruhm. Einige der Damen und Herren, die dort aus ihrer Identität rutschen, stammen aus der Feder eines gewissen Leo Richter. Der seinerseits durch Daniel Kehlmann das (Kunst-) Licht der Welt erblickte. Und hin und wieder gemeinsam mit den eigenen Figuren durch die Seiten schwebt. Im wahrsten Sinn. Denn als erfolgreicher Autor sitzt er bevorzugt im Flugzeug.

Flugzeuge aber zählen insgesamt zu den eher altmodischeren technischen Körpern, die den Protagonisten der Geschichten eine Doppelexistenz erlauben - oder sie doch vielmehr ihrer einzigen berauben? Mobiltelefone, die für zwei Personen freigeschaltet werden, Leinwandruhm, der den Schauspielstar zum Imitator seines Imitators degradiert, sind nur einige der Möglichkeiten, die ewige Frage nach der Identität zu stellen. Fiktionalitäten purzeln in den Geschichten ebenso durcheinander wie Figuren, die sich mit dem Dasein in einer Erzählung längst nicht begnügen.

Ruhm - der Roman in neun Geschichten, für dessen Entstehung sich Daniel Kehlmann nach dem großen Erfolg seiner Vermessung der Welt - der Roman wurde inzwischen in 42 Sprachen übersetzt - vier Jahre Zeit ließ, ist ein wunderbar verspieltes, schwebend leichtes, heiteres Buch. Fast könnte man übersehen, mit welcher stilistischen Sicherheit, liebevollen Genauigkeit und gedanklichen Tiefe es grundiert ist. Ließ Daniel Kehlmann in früheren Büchern Philosophen sprechen, vertraut er heute der Philosophie seiner Plots, der Form - und schuf mit diesem vordergründig leichten Werk vielleicht sein literarisch bisher anspruchsvollstes.

STANDARD: Die Autoren in Ihrem Buch werden ständig mit denselben Fragen geplagt: Woher sie ihre Ideen nähmen. Wann sie schrieben, ob vormittags oder nachmittags. Auch nicht viel besser: Was war die Grundidee für Ihr neues Buch?

Kehlmann: Die erste Grundidee war eine strukturelle, das Zusammenhängen der Geschichten - eine Art musikalische Idee vom inneren Zusammenhang. Und zum anderen die Rolle der Technik. Ihr Versagen. Die Frage, wie die Entwicklung der Technik unsere Lebenswirklichkeit verändert.

STANDARD: Figuren sprechen zu ihren Autoren. Und ein Schauspieler erfährt, dass die Rolle der Realität in seinem Leben schon besetzt ist.

Kehlmann: Das ist eine Anspielung auf Luis Buñuel, dessen Filme ich während des Schreibens an diesem Buch fast alle gesehen habe. In Das Gespenst der Freiheit gibt es diesen wunderbaren Moment, wo der Polizeipräsident verhaftet und in das Büro des Polizeipräsidenten geführt wird - und dort sitzt bereits der Polizeipräsident. Das ist nicht er. Und doch sind sie dieselbe Person: Denn wie der Film dann weitergeht, unterhalten sie sich einträchtig darüber, wie man Demonstranten niederschießt. Diese Selbstverdoppelung mag eine Rolle gespielt haben ...

STANDARD: Buñuel verweigert in "Gespenst der Freiheit" konsequent die Fortführung der Episoden, die wir erwarten. Auch Ihre Geschichten versagen dem Leser die Short-Story-üblichen Verläufe.

Kehlmann: Wir haben gewisse Erwartungen, wie Erzählen zu funktionieren, was zu passieren und in welche Richtung es zu gehen hat. Es ist schon sehr belebend, wenn man sieht, wie Buñuel das macht. So ganz konsequent immer in die ganz andere Richtung abzubiegen. Und es ist schwierig, da diese Mechanismen der Erwartung sehr subtil sind. Schwierig und wunderbar.

STANDARD: Einer der Protagonisten Ihrer Geschichten, Mollwitz, verbringt seine Tage damit, bösartige Postings in Internet-Foren zu veröffentlichen. Wie haben Sie den Stil der Posting-Sprache so genau getroffen, die Ihrer Verknappung doch ziemlich fern ist? Recherche?

Kehlmann: Der Punkt ist: Es gibt keine "Internet-Sprache". Die Leute schreiben, "wie ihnen der Schnabel gewachsen ist". So etwas kann man nicht imitieren. Das wäre nur banal. Der Reiz lag darin, eine Kunstsprache zu entwickeln, die wirkt, als wäre das ein ganz schnoddriges Dahinschreiben von jemandem, der seiner Sprache nicht mächtig ist. Aber in Wirklichkeit muss es natürlich eine Sprache mit einer eigenen poetischen und literarischen Kraft sein. Mein Vorbild war eher Clockwork Orange von Anthony Burgess oder der späte Henry Green. Der Text folgt eigenen Regeln.

STANDARD: Sie haben also konkrete Sprachregelungen entworfen, die Sie im Text befolgen? Ein Beispiel?

Kehlmann: Wo immer ein deutscher banaler Slang-Ausdruck möglich ist, wird nicht dieser genommen, sondern eine Parallelprägung. Statt "volle Kanne" sagt er "voller Container". Anglizismen werden nur dort verwendet, wo sie eigentlich nicht gängig sind. Wo verständliche Anglizismen vorhanden sind, werden sie dagegen ins Deutsche übersetzt. Ich hatte sehr viel Spaß dabei.

STANDARD: Bisweilen unmerklich, mit nur kleinen Verschiebungen, scheint doch jede Geschichte einen anderen Stil zu erproben.

Kehlmann: Das ist das Schöne, dass diese Art von Buch es ermöglicht, stilistisch weiter zu gehen als in einem Roman. Eine Geschichte kann auf einem extremeren Einfall beruhen, weil er nur eine kürzere Strecke tragen muss. Etwa "Die Antwort an die Äbtissin" über den brasilianischen Bestseller-Autor von Lebenshilfe-Büchern. Es ist eine sehr kurze Geschichte. Das ermöglicht einen extrem manieriert parodistischen Stil. Das wird nicht zu viel.

STANDARD: Leo Richter, der Autor, der durch viele der Geschichten spukt, beutet seine Umwelt für sein Schreiben aus. Sie auch?

Kehlmann: Das ist der Unterschied zwischen Leo und mir. Leo ist dieser autobiografische Autor, der auch Erlebnisse aus dem literarischen Betrieb verwendet, um daraus Geschichten zu machen. Das bin ich überhaupt nicht. Aber in diesem Buch kann ich autobiografischer arbeiten als sonst - dadurch, dass ich Leo erfunden habe. Leo erledigt das für mich. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Printausgabe, 14. 1. 2009)

Daniel Kehlmann: "Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten". 224 Seiten / 18,90 Euro. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009

Zur Person
Nach literarischen Arbeiten wie "Mahlers Zeit" und "Ich und Kaminski" (beide Suhrkamp) erlangte der seit gestern 34-jährige Daniel Kehlmann mit seinem Bestseller "Die Vermessung der Welt" Weltruhm. An mehreren Universitäten hielt er bereits Poetikvorlesungen. Kehlmann lebt in Wien und Berlin. Am Samstag lesen Sie eine Rezension von "Ruhm" im ALBUM. In Wien präsentiert Kehlmann seinen Roman am 29. 1. um 20 Uhr im Rahmen eines Gesprächs im Akademietheater.

  • Für die Internet-Passagen seines neuen Romans "Ruhm" erfand Daniel Kehlmann eigene Sprachregelungen.
    foto: c. fischer

    Für die Internet-Passagen seines neuen Romans "Ruhm" erfand Daniel Kehlmann eigene Sprachregelungen.

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