Rundschau: Unschöne Dinge

    28. Februar 2009, 13:24
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    "Majestrum", "Lotus-Effekt", "Fabelheim", "Nachtreiter", "Alles bleibt anders" sowie Bücher von Greg Keyes, Daniele Nadir, David Marusek und Iain Banks

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    coverfoto: wurdack

    Armin Rößler & Heidrun Jänchen (Hrsg.): "Lotus-Effekt"

    Broschiert, 215 Seiten, € 10,95, Wurdack 2008.

    Zum Abschluss noch etwas, auf das es sich immer einen Blick zu werfen lohnt: Nämlich den Output des Wurdack Verlags, welcher regelmäßig das Wagnis eingeht Anthologien herauzugeben - etwas, vor dem die großen Häuser zurückschrecken wie Vampire vor einem Kreuz aus Knoblauchzehen. 19 Kurzgeschichten deutscher und österreichischer AutorInnen sind in "Lotus-Effekt" enthalten, durchweg um die zehn Seiten kurz und eine große Bandbreite an SF-Themen abdeckend.

    Dreckig ausgetragene Konflikte schildern gleich mehrere Erzählungen: "Entschlossen" von Christian Weis wirft Schlaglichter auf eine brutalisierte Nahzukunft, in der die UNO in Hongkong sitzt und Protagonist Kozak und seine Brainchip-ausgerüsteten Sondereinheiten mit sozialem Elend und  Ghetto-Aufständen konfrontiert werden. Weitergesponnen bis zur Wiederverwertbarkeit von Menschen ist der HighTech-Krieg in Niklas Peineckes "Die Ernte fällt heut' aus", außerirdische Robot-Kolonien stellen hier den zähen Gegner. Und in der Titelgeschichte "Lotus-Effekt" von Christian Günther arbeitet Rho als Amnesier: Ganz normal kommt er jeden Tag von seinem Job nach Hause, ohne sich daran erinnern zu können, von welchem ... fragmentarische Erinnerungen an Geschützlärm und verwüstete Städte geben einen Hinweis auf sein Tagwerk.

    Gedächtnismanipulation kommt auch in Sebastian Riegers "Nichts wie der Himmel" und Bernhard Schneiders "Lapsus" vor. Eine unerwarete Wendung nimmt "Decoi Vult" von Uwe Post, das als Geschichte eines Patentstreits über Augenimplantate beginnt und schließlich in die Frage mündet, ob der Protagonist eine größere Realität erkennt oder Wahnvorstellungen erliegt. Noch desillusionierender Thomas Wawerkas "Wir könnten Kolumbus fragen", in dem Pioniere auf Ganymed nur noch lästiges menschliches Beiwerk einer durchorganisierten Operation darstellen; sogar den ersehnten Erstkontakt versaut das System den als Sicherheitsrisiko eingestuften Menschen. Und bitterböse schließlich "Der Traum vom Fliegen" von Lutz Herrmann, einer zynischen Geschichte aus der künftigen Altenrepublik und ihrem Umgang mit den nicht mehr Gebrauchten.

    Anlagen zu Größerem (sprich: das Potenzial zum Roman) zeigen Karla Schmidt und Karsten Kruschel: Schmidt schildert in "Weg mit Stella Maris" den Konflikt zwischen Malin und ihrer Mutter, die mit einem Generationenschiff ins All aufbricht: Live übertragen in einer Doku-Soap, während Malin sich damit befassen muss, dass immer mehr Tiere von einem mysteriösen Korkenziehereffekt verdreht tot aufgefunden werden; da stecken genug Ideen für ein Langformat drin. Kruschels "Barnabas" wiederum könnte der Auftakt zu einem großen Science Fantasy-Roman sein: Außenweltler deponieren einen gefährlichen Mechanismus auf einem Planeten, der Magie kennt ... und ein Novize setzt das Ding unbeabsichtigt in Gang. Teil eines größeren Kontextes ist auf jeden Fall die Söldner-Geschichte "Das Gespinst" von Wurdack-Herausgeber Armin Rößler, fügt es sich doch in dessen mittlerweile drei Romane umfassenden "Argona"-Zyklus ein. Und sehr gut schließlich auch die Erzählung "Ein Geschäft wie jedes andere" von Rößlers Mitherausgeberin Heidrun Jänchen: Irgendwann kurz nach der Ära des Wohlfahrtsstaats sucht Sigo nach unheilbar Kranken, die sich keine Behandlung leisten können, und bietet ihnen zwei Jahre Leben in Wohlstand an - danach müssen sie reichen Abnehmern eine Körperspende leisten. Sigo, selbst in schweren Finanznöten, gerät durch seine aktuelle "Kundin" in moralische Konflikte - und das Ganze steuert auf eine böse Lösung hinaus ...

    Zum Glück kommt aber auch der Humor nicht zu kurz: Thomas Hocke gewinnt in "Ein Phager wird trainiert" der Biotechnologie endlich auch mal komische Seiten ab, Olaf Trint lässt in "Schnully" eine Sex-Androidin und einen gigantischen Kugelfisch entscheidende Rollen in einem Mordfall spielen. Und Arno Endler beweist in "Strafmaßnahme" Sinn für skurrilen Humor und eine dem Format Kurzgeschichte adäquate Idee: Verkehrssünder Christian wird dazu verdonnert in einem Auto zu fahren, das von einer KI überwacht wird - und die treibt ihn durch ihre Gouvernantenhaftigkeit langsam aber sicher in den Wahnsinn.

    Die nächste Rundschau ist für den 21. März geplant, um sich langsam wieder dem Monatsmitte-Rhythmus anzunähern. Voraussichtliche Stationen der Lesereise werden die Margarets vom Mars und die Schweizer Sowjetrepublik sein. (Josefson)

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