Der Kaplan des Teufels

9. Jänner 2009, 19:02
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Mit etwas Pech wäre Charles Darwin Pfarrer geworden - stattdessen hat er mit seiner gottlosen Evolutions­theorie das Weltbild revolutioniert

Seit Beginn dieser Woche sind in ganz Großbritannien rote Linienbusse unterwegs, die eine eigenwillige Botschaft tragen: "There's probably no God. Now stop worrying and enjoy your life." Die Vereinigung, die Gottes Existenz öffentlich infrage stellt und dazu auffordert, das Leben zu genießen, nennt sich schlicht Atheism und bezeichnet sich selbst als "Non-prophet-Organisation".

Ist es bloß ein Zufall, dass eine solche gottesunfürchtige Kampagne ausgerechnet am Beginn jenes Jahres stattfindet, in dem sich der Geburtstag von Charles Darwin zum 200. Mal jährt? Einerseits ist die Aktion kein Teil der umfangreichen Jubiläumsfeierlichkeiten, mit der im Geburtsland des großen Naturforschers das Doppeljubiläum zelebriert wird. Andererseits würde die gottlose Kampagne zumindest ohne Darwins weltweit einflussreichsten Jünger auch nicht stattfinden.

Ihr finanzieller Hauptunterstützer ist nämlich Richard Dawkins, seit November emeritierter Professor an der Universität Oxford. Im Nebenberuf ist der renommierte britische Evolutionsbiologe, der in Fachkreisen auch gerne "Darwins Rottweiler" genannt wird, so etwas wie der Papst des Atheismus. Sein vor gut zwei Jahren erschienenes Buch The God Delusion (auf Deutsch Der Gotteswahn) wurde in 31 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft.

Szenenwechsel nach Österreich. Abgesehen von den ersten medialen Niederschlägen des gleich doppelten Jubiläumsjahres - neben dem 200. Geburtstag Darwins am 12. Februar jährt sich heuer das Erscheinen seines Hauptwerks Über den Ursprung der Arten zum 150. Mal - hat sich hierzulande von offizieller Seite bislang nur Christoph Kardinal Schönborn zumindest indirekt zum Jubilar des Jahres geäußert.

Der Wiener Erzbischof, der bereits im Jahr 2005 mit seiner in der New York Times veröffentlichten Kritik am Darwinismus international aufgefallen war, diagnostizierte dieser Tage einen engen Zusammenhang zwischen dem "Evolutionismus" und der aktuellen Wirtschaftskrise. Das ideologische darwinistische Konzept, dass der Stärkere überlebt, habe in der Wirtschaft zu dem geführt, wo wir heute sind, ließ er wissen. Und es widerspreche der Vernunft, "diesen grandiosen Weg des Lebens bis hin zum Menschen ausschließlich als Zufallsprozess zu sehen".

Was hätte wohl Darwin zu diesen beiden öffentliche Stellungnahmen gesagt, würde er heute leben? Wahrscheinlich nichts, denn der zurückgezogen lebende Privatgelehrte scheute die Öffentlichkeit fast so sehr wie der Teufel das Weihwasser, um in der Metaphorik zu bleiben.

Rein inhaltlich hätte der Begründer der Evolutionstheorie zumindest gegen die atheistische Aktion eher nichts einzuwenden gehabt. In seiner posthum veröffentlichen Autobiografie meinte er 1876, sich "jedenfalls damit zufrieden geben zu müssen, Agnostiker zu bleiben" - also einer, der die Frage nach der Existenz Gottes für unbeantwortbar hält.

Jungforscher auf Reisen

An anderer Stelle ist bei ihm aber auch davon die Rede, "Kaplan des Teufels" zu sein. Und die Veröffentlichung der Evolutionstheorie sei wie das Geständnis eines Mordes. Dabei hat nicht viel gefehlt, und Charles Darwin hätte sein Leben in einer Landpfarre irgendwo in der englischen Provinz verbracht und nicht als Urheber der wohl größten wissenschaftlichen und weltanschaulichen Revolution zumindest des 19. Jahrhunderts.

Denn nachdem der am 12. Februar 1809 geborene Arztsohn sein Medizinstudium abbrach, weil sich das mit seinem empfindlichen Gemüt nicht gut vertrug, schlug ihm sein Vater vor, doch Geistlicher der Kirche von England zu werden. Und als folgsamer Sohn begann er 1828 in Cambridge mit einem Studium der Theologie.

Das hielt der 19-Jährige zwar für eine Zeitverschwendung, dennoch schloss er das Grundstudium drei Jahre später mit dem Bakkalaureat ab. Immerhin: Das Studium umfasste damals auch jede Menge Unterricht in Botanik und Geologie, was seinen Interessen entgegenkam.

Doch niemand weiß, was aus dem 21-jährigen Jungforscher geworden wäre, hätte er nicht die Einladung erhalten, auf dem Marine-Erkundungsschiff HMS Beagle (Her Majesty's Ship) mitzusegeln, und hätte sein Vater das Abenteuer nicht mitfinanziert.

Die Reise, die von 1831 bis 1836 dauerte, war nicht nur das große prägende Ereignis in Darwins Leben. Sie sollte auch die wohl wichtigste Reise der modernen Naturwissenschaften werden, obwohl der Jungforscher in diesen fünf Jahren eines ganz gewiss noch nicht tat: seine Theorie der Evolution auszuarbeiten. Stattdessen brachte der Weltumsegler insgesamt 1529 in Spiritus eingelegte Tiere und Pflanzen sowie 3907 Trockenpräparate mit nach Hause. Dazu kamen 15 Feldnotizbücher, 770 Seiten Tagebuch und 368 Seiten zoologische Aufzeichnungen.

Geistesblitze

Die Auswertung des Materials, nicht zuletzt der verschiedenen Vögel der Galapagosinseln, aber auch die Lektüre von Thomas Malthus' Essay on the Principle of Population führten dann Ende der 1830er-Jahre zu Darwins (r)evolutionären Geistesblitzen: Verschiedene Arten haben sich aus einer einzigen entwickelt ("Abstammung mit Abwandlung") und jene Individuen setzen sich durch, die den Umweltbedingungen am besten angepasst sind ("natürliche Selektion").

Die Umrisse seiner neuen Theorie formulierte er erstmals 1842 und erweiterte sie 1844 zu einer "Skizze" von 230 Seiten. Doch dann tat er etwas Ungewöhnliches: Er legte das Manuskript zur Seite und beschäftigte sich die nächsten Jahre mit anderen Dingen: Er schrieb fast acht Jahre lang an einem insgesamt vierbändigen Werk über Rankenfußkrebse und wurde Vater von zehn Kindern.

Als seine Lieblingstochter Annie im April 1851 starb, dürfte er den Glauben an die gute Natur und an einen gütigen Gott endgültig verloren haben. Die ganze Zeit wurde er immer wieder von vermutlich psychosomatischen Krankheiten geplagt, die womöglich auch etwas mit seinem verheimlichten "Mord" am Schöpfergott zu tun hatten.

Zwang zur Veröffentlichung

In die Öffentlichkeit ging er damit erst 1858 - und das auch nur, nachdem ihm sein Kollege Alfred Russel Wallace ein Manuskript zuschickt hatte, in dem dieser ganz ähnliche Ideen über die Abstammung formulierte. Freunde drängten Darwin, bei einer Versammlung der Linné-Gesellschaft in London seinen Text gemeinsam mit jenem von Wallace verlesen zu lassen, um seinen "Mitentdeckeranspruch" abzusichern.

Das Ganze blieb zunächst ohne große Wirkung. Alles Neue der beiden Texte sei falsch, alles Richtige sei alt, meinte ein gewisser Professor Houghton, der als Einziger der dreißig Zuhörer die beiden Vorträge gleich danach schriftlich kommentierte. Und der Präsident der Linné-Gesellschaft bilanzierte wenige Monate später: "Das zu Ende gehende Jahr war durch keine jener bemerkenswerten Entdeckungen gekennzeichnet, die mit einem Mal den Bereich der Wissenschaft revolutionieren."

Darwin machte sich dennoch in aller Eile daran, sein Manuskript zu erweitern. Und das, obwohl er wusste, dass er mit seiner gottlosen Version der Entstehung der Arten seiner geliebten und tiefgläubigen Gattin großen Schmerz bereiten würde. Das Buch erschien am 24. November 1859 unter dem vollständigen Titel On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life in einer Auflage von 1250 Stück, die am ersten Tag ausverkauft waren.

Der weltanschauliche Sprengstoff des Buches war seinen Zeitgenossen durchaus klar, auch wenn in den ersten Auflagen von Über die Entstehung der Arten der Begriff Evolution noch gar nicht vorkommt. Und seine wohl berühmteste und anschaulichste These - dass der Mensch und der Affe dieselben Vorfahren haben - arbeitete er erst über zehn Jahre später in seinem Buch Über die Abstammung des Menschen (1871) aus.

Dennoch wurde genau darüber am intensivsten diskutiert. Einen frühen Höhepunkt fand die Debatte am 30. Juni 1860 auf einer Tagung der British Association für the Advancement of Science im Zoologischen Museum in Oxford. Darwin nahm daran selbstverständlich nicht teil, stattdessen aber sein eifrigster Verteidiger, der Biologe Thomas Huxley. Tausend Menschen drängten sich im Saal, als Samuel Wilberforce, der Bischof von Oxford, höchstpersönlich gegen Darwins Lehren Stellung bezog.

Am Ende seiner Wortmeldung, so die Überlieferung, wandte er sich an Thomas Huxley und fragte ihn sarkastisch, ob er nun großmütterlicherseits oder großväterlicherseits vom Affen abstamme. Huxley, der nicht umsonst den Nom de guerre "Darwins Bulldoge" trug, parierte mit einem unverschämten Konter: Ihm sei die Abstammung vom Affen lieber als die Verwandtschaft mit jemandem, der seine Stellung dazu missbrauche, um auf einer ernsthaften wissenschaftlichen Veranstaltung ungebildetes Geschwätz von sich zu geben. Was den Skandal perfekt machte.

"Abgestammt vom Affen! Lasst uns hoffen, dass es nicht wahr ist", soll die Frau des Bischofs von Worchester in einer tumultuösen Debatte gesagt haben, "aber falls doch, lasst uns beten, dass es nicht allgemein bekannt wird." Die Gebete blieben unerhört.

Darwins Theorien erschütterten das damalige Weltbild nicht nur in England mit einer Heftigkeit, die heute nur schwer nachzuvollziehen ist. Sie lässt sich aber zum Beispiel daran erahnen, dass im Februar 1883 das Preußische Abgeordnetenhaus ganze zwei Tage lang über Darwins Deszendenztheorie diskutierte - konkret: wie verträglich oder unverträglich sie mit dem biblischen Schöpfungsbericht sei.

Man stelle sich vor, das österreichische Parlament würde heute auch nur einen halben Tag lang über die Inhalte einer wissenschaftlichen Theorie diskutieren!

Charles Darwin in Österreich

An der wechselhaften Rezeption von Darwins Theorien in Österreich lässt sich im Übrigen besonders gut zeigen, wie sehr die (katholische) Kirche von seinen Lehren betroffen war - und sich dagegen wehrte.

Obwohl der britische Schrift-steller und Darwin-Zeitgenosse Charles Dickens noch im Jahr 1860 meinte, dass Darwin froh sein könne, nicht im intoleranten 16. Jahrhundert oder in Österreich zu leben, so war indes gerade das gesellschaftspolitische Klima ab 1860 für die Evolutionstheorie vergleichsweise günstig. Im selben Jahr, in dem die deutsche Übersetzung von Über den Ursprung der Arten erschien, begann in Österreich die kurze Ära des Liberalismus. Und er machte es möglich, dass heute längst vergessene Zoologen schon bald die ersten öffentlichen Vorträge über Darwin abhielten. Der Naturforscher wurde wenig später sogar architektonisch gewürdigt: als einziger damals lebender Wissenschafter an der Außenfassade und in der Kuppelhalle des ab 1871 errichteten Naturhistorischen Museums in Wien.

Die Evolutionstheorie wurde in diesen Jahrzehnten nicht nur in naturwissenschaftlichen, sondern auch bürgerlichen literarischen Zirkeln heftig diskutiert, und so kam es, dass auch etliche Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts maßgeblich von Darwin inspiriert waren.

Einer der eifrigsten Darwin-Leser jener Zeit war Sigmund Freud, der sich später ganz ohne falsche Bescheidenheit in eine Reihe mit dem Naturforscher stellte - als der dritte große Kränker der Menschheit nach Kopernikus (Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums) und eben Darwin (Der Mensch stammt vom Affen ab).

Mit dem Ende des Liberalismus und besonders unter dem katholischen Bürgermeister Karl Lueger geriet die Verbreitung von Darwins Lehren in Misskredit. Noch schlimmer kam es dann im klerikalen Ständestaat ab 1934: Der Biologieunterricht an den Schulen wurde gekürzt, und die Evolutionstheorie durfte nicht einmal mehr erwähnt werden. Hatte es an der Universität Wien 1925 noch sieben Professuren für Biologie gegeben, war 1939 nur mehr eine einzige davon besetzt.

Das wiederum führte dazu, dass die verbliebenen österreichischen Biologen und Darwin-Jünger zu mehr oder weniger offenen Sympathisanten des NS-Regimes wurden, das Darwins Theorien für eigene Zwecke missbrauchte.

Der mit Abstand wichtigste der braunen Anbiederer war der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der in einem besonders exponierten Artikel aus dem Jahr 1940 nicht nur meinte, dass für das ständestaatliche Unterrichtsministerium Biologe, Darwinist und Nationalsozialist eigentlich dasselbe gewesen wäre. Der "Vater der Graugänse" sprach sich auch dafür aus, dass Darwins Lehren unbedingt unterrichtet werden müssten, zumal es zwischen der Evolutionstheorie und der Rassenlehre viele Übereinstimmungen gebe.

Damit kompromittierte Lorenz nicht nur sich selbst, sondern indirekt auch Darwins Theorien. Als der damals bereits renommierte Verhaltensforscher 1950 eine Professur in Graz hätte antreten sollen, scheiterte das am Veto des damaligen ÖVP-Unterrichtsministers Felix Hurdes. Inoffizielle Begründung, wie selbst KPÖ-Vordenker Ernst Fischer vermutete: Lorenz war immer noch Darwinist und beschäftigte sich mit Fragen, die dem Vatikan bzw. der ÖVP gar nicht recht waren.

Der wohl wichtigste österreichische Evolutionstheoretiker des 20. Jahrhunderts wanderte nach Deutschland aus. Und es sollte bis zu seiner Rückkehr 1973 dauern, ehe sich die heimische Forschung wieder auf sichtbare Weise mit Fragen der Evolution zu beschäftigen begann - unter anderem in Form der von Lorenz mitbegründeten Evolutionären Erkenntnistheorie.

Während die Forschung über Fragen der Evolution in Österreich mittlerweile auch im internationalen Vergleich wieder gut etabliert ist, besteht in der österreichischen Öffentlichkeit noch Aufholbedarf: Im Rahmen eines Vergleichs stimmten 2006 gerade einmal 55 Prozent der Österreicher der Frage zu, ob sich die heutigen Menschen aus früher lebenden Tierarten entwickelt haben. Machte Platz 25 unter 34 untersuchten Ländern und wurde nicht weiter beachtet.

Großbritannien belegte in der Umfrage mit knapp 80 Prozent übrigens Rang sechs. Was sich durch die zahllosen Jubiläumsfeierlichkeiten dieses Jahres wohl verbessern lassen sollte. In Darwins Heimat ist im Übrigen auch die Kirche schon etwas weiter, die im Herbst öffentlich Abbitte geleistet hat.

"Charles Darwin, die Kirche von England schuldet Ihnen eine Entschuldigung, dass wir Sie falsch verstanden haben", ließ man verlauten. Man bekenne damit darin den "anti-evolutionären Eifer", den die anglikanische Kirche nach der Veröffentlichung von Darwins Theorie 1859 gezeigt habe und den viele Kirchen noch pflegten.

Der Vatikan jedenfalls sah sich bislang zu keiner Entschuldigung für etwaige "Missverständnisse" veranlasst. Aber immerhin wird Anfang März unter der Schirmherrschaft des päpstlichen Kulturrats eine wissenschaftliche Tagung über die "Biologische Evolution" stattfinden. Untertitel: "Eine kritische Würdigung 150 Jahre nach der Entstehung der Arten". (Klaus Taschwer//DER STANDARD, Printausgabe, 10./11. 1. 2009)

Klaus Taschwer ist Wissenschaftsredakteur beim STANDARD. Studien der Sozialwissenschaften. Seine Biografie von Konrad Lorenz (gem. mit B. Föger) erscheint demnächst als Taschenbuch bei dtv.

  • "Ich jedenfalls muss mich damit zufriedengeben, Agnostiker zu bleiben." Weltbildrevolutionär Charles Darwin um 1880.
    foto: natural history museum london

    "Ich jedenfalls muss mich damit zufriedengeben, Agnostiker zu bleiben." Weltbildrevolutionär Charles Darwin um 1880.

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