Der Wuff verbellt den Ammann

4. Jänner 2009, 16:15
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Tournee-Leader Wolfgang Loitzl siegte am Innsbrucker Bergisel vor Gregor Schlierenzauer - Schweizer Ammann verliert als Achter an Boden

"Zurzeit passiert so viel, was ich gar nicht erwartet habe. Aber ich genieße es", sagte Wolfgang Loitzl am Sonntagnachmittag, also nach seiner endgültigen Wandlung vom Mit- zum Siegspringer. Der 28- Jährige ließ im durch 25.000 Menschen überfüllten Bergiselstadion seinem am Neujahrstag und in Garmisch gefeierten ersten Weltcupsieg gleich den zweiten folgen. Und Loitzl flog nur wenige Stunden später, diesmal per Helikopter, als erster Anwärter auf den Gesamtsieg bei der 57. Vierschanzentournee nach Bischofshofen, wo am Dienstag (16.30, ORF 1) unter Flutlicht finalisiert wird.

15,8 Punkte oder (lässt man die Haltungsnoten außer Acht) rund 8,5 Meter liegt er nun vor seinem ersten Verfolger, dem Schweizer Simon Ammann, der in Innsbruck in eine nach der Qualifikation fast schon erwartete Niederlage hüpfte, nur Achter wurde.

Den österreichischen Freudentag im Fahnenmeer komplettierte Gregor Schlierenzauer mit Rang zwei, nur sieben Zehntel eines Punktes hinter Loitzl. Vor Loitzl hatte Andreas Widhölzl den letzten Heimsieg am Bergisel im Jahr 2000 gefeiert, um dann zwei Tage später als bisher letzter Österreicher auch die Tournee zu gewinnen. Der bis gestern letzte Mehrfachsieg für den ÖSV beim Traditionsspringen liegt noch weiter zurück. 1975 gewann Karl Schnabl vor Edi Federer und Hans Wallner.

In der Gesamtwertung fehlen Schlierenzauer auf Ammann nur noch 8,7 Punkte. Nach dem Springen in Garmisch waren es schon 23,8 Zähler gewesen. Cheftrainer Alexander Pointner glaubt, dass eine Vorentscheidung gefallen ist. "Innsbruck ist wegen der Bedingungen immer ein Schlüsselspringen, aber wir werden jetzt nicht überheblich werden. Bischofshofen wird schwierig genug." Geht es nach Ammann, dann vor allem für die Österreicher. "In Bischofshofen werde ich fliegen", versprach der 27-jährige Doppelolympiasieger. In Innsbruck konnte er "nicht zu hundert Prozent auf mich zurückgreifen. Ich war nicht so erholt, wie ich es gebraucht hätte. Und diese Schanze ist auch nicht meine Freundin geworden, das muss ich akzeptieren." Ammann freute sich auf den Schanzenwechsel. "Und was meine müden Beine betrifft, werden wir in die Trickkiste greifen." Gemeint hat er die Künste seiner deutschen Betreuerin, die sich auf chinesische Medizin versteht.

Die Halbzeitgeschichte der leicht zähen Konkurrenz am von Zaha Hadid entworfenen Bakken hatte der Deutsche Martin Schmitt mit einem Satz auf 128,5 Meter geschrieben. Der bald 30-jährige Schwarzwälder konnte den kommoden Vorsprung auf Loitzl und Schlierenzauer aber nicht zu seinem insgesamt 29. Weltcupsieg, seinen ersten seit bald sieben Jahren, ummünzen und fiel nach 125,5 Metern auf Rang drei zurück.

"Fast ein wenig irreal"

128,5 Meter sollten nur noch Loitzl trotz des um zwei Luken verlängerten Anlaufes im zweiten Durchgang gelingen. Im ersten war er auf 126,5 Meter gesegelt, der Rückstand von 3,6 Punkten auf Schmitt entmutigte ihn nicht. Die Selbstverständlichkeit, mit der "der Wuff plötzlich selbst auf einer Schanze zurecht kommt, die ihm nicht so liegt", verwunderte Sportdirektor Anton Innauer. "Ich bin nach guten Trainingsleistungen unserer Leute schon so oft mit großen Hoffnungen da oben gestanden, um dann enttäuscht zu werden. Dass das heute so gepasst hat, ist fast ein wenig irreal."

Der quasi neue Loitzl äußerte schließlich resümierend für den alten Loitzl ziemlich Ungewöhnliches. "Ich werde meinen Vorsprung nicht verteidigen, ich werde angreifen." (Sigi Lützow aus Innsbruck, DER STANDARD Printausgabe 05.01.2009)

 

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    Der gordische Knoten ist entzwei geschlagen, Wolfgang Loitzl setzt zum Seriensieg an.

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