Kari, Karl, Karel

2. Jänner 2009, 18:11
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Das gestörte Nahverhältnis Wien-Prag im Licht der Geschichte. Und über den Beginn der tschechischen EU-Präsidentschaft als mögliche Initialzündung für den Abbau traditioneller bilateraler "Missverständnisse" - Von Hans Magenschab

Am 1. Jänner hat bekanntlich die Tschechische Republik für ein halbes Jahr die EU-Präsidentschaft übernommen - ein Wechsel, dessen Begleitumstände nicht nur die guten Nerven des europafreundlichen Teiles der tschechischen Öffentlichkeit strapazieren, sondern auch die Geduld der europäischen Partner. Denn der Lissabon-Vertrag ist just von Tschechien nicht ratifiziert worden, der Staatspräsident lässt keine Europafahnen auf dem Prager Hradschin aufziehen, und die tschechische Öffentlichkeit ist wegen des Europakurses gespaltener denn je.
Nun sollten die Österreicher die Allerletzten sein, die sich über einen anderen europäischen Partner mokieren; seit Jahren halten sie den Negativrekord bei der Zustimmung zur EU. Grotesk und real zugleich: In Tschechien hetzen die Alt- und Neukommunisten am vehementesten gegen Brüssel - in Österreich ist es die größte Tageszeitung des Landes. Auf beiden Seiten sind sich die Argumente ganz ähnlich - und sind voll von Emotionen, Ressentiments, Xenophobien. - Aber es mag auch richtig sein, was der frühere tschechische Botschafter und derzeitige Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien - Jirí Gruša - frei nach Karl Kraus behauptet: Die Tschechen und die Österreicher haben einen „gemeinsamen Charakter", ja würden eine „gemeinsame Nation" bilden; und daher streiten „wie in einer Familie".

Nun lässt sich das mit der „gemeinsamen Nation" statistisch bestätigen. Vor 100 Jahren lebten in den Kronländern Böhmen und Mähren 6,1 Mio. Tschechen mit 3,3 Mio. Deutschösterreichern. Und in der Haupt-Residenzstadt Wien hatte jeder zweite Einwohner einen „Einwanderungshintergrund" - und zwar aus Böhmen und Mähren. Wobei die bettelarmen „Bem" und ausgenützten „Kuchlmadln" überall in der weiten Monarchie integrationsfähig waren - keineswegs hingegen die Deutschnationalen (die dann 1945 als „Sudetendeutsche" gewaltsam vertrieben wurden).

Aber blenden wir zurück in das Jahr 1908. Da hatte sich im Herbst der böhmische Landtag vertagt: Der Streit ging um die Frage der Sprache von Stationsschildern und Fahrkarten der Eisenbahnen, über das Impressum von Büchern und die Eingabesprache bei Bezirksgerichten. Im November zerfiel die (cisleithanische) Regierung - und die Tumulte zwischen Tschechen und Deutschen eskalierten zum offenen Straßenkampf. Dennoch hoffte der Kaiser auf eine Befriedung; war doch in Mähren ein sogenannter „Ausgleich" gelungen. Franz Josefs Politik: Die Brücken nicht abreißen lassen, wobei er die Chance zur Vermittlung insbesondere in den Vertretern der großen böhmischen Familien, die Teil des historischen Selbstverständnisses von Tschechen wie Deutschösterreichern waren. Diese „Bohemisten" sprachen beide Sprachen, waren habsburgtreu und gut katholisch, judenfreundlich und kosmopolitisch, hatten Palais in der Wiener Innenstadt und auf der Prager Kleinseite. Am wichtigsten: Sie distanzierten sich ebenso vehement von jeglicher kleinbürgerlicher Deutschtümelei wie von tschechischer Selbstschutzideologie. Wobei das höchste Ansehen wohl die Familie der Schwarzenbergs hatte.
Darüber wusste wohl auch der Tschechenhasser Adolf H. aus Braunau Bescheid, der das Kaiserjubiläum in Wien miterlebt hatte und nach dem Anschluss Österreichs der Familie Schwarzenberg „Deutschfeindlichkeit" vorwarf. Wenig später wurde das alte Adelsgeschlecht auch eiskalt enteignet.

Was H. mit den vielen Tschechen und Tschechenstämmigen ansonsten vorhatte, äußerte H. erst am 25. Juni 1943 im kleinen Kreis: „Die Juden hab ich aus Wien schon heraus, ich möchte auch noch die Tschechen hinaustun."

Das alles ist freilich mittlerweile in den Hintergrund getreten. Denn in der Gegenwart ist die Causa „Temelín" zwischen der tschechischen und österreichischen Republik eine schwere Belastung. Man misstraut einander - und immer wieder kommen Drohungen ins bilaterale Spiel. So haben in den letzten Jahren grüne Eiferer aus Österreich Grenzübergänge zur Tschechischen Republik besetzt und mediale Angst geschürt - erst kürzlich in einer Spiel-Doku des ORF: „In drei Tagen bist du tot" stellte superrealistisch einen GAU im grenznahen AKW Dukovany nach. Der tschechische Botschafter protestierte, aber auch besonnene Tschechen fragen sich enttäuscht, warum die Österreicher nur Temelín, Dukovany etc. im Visier haben, nicht aber überalterte ungarische, slowenische, Schweizer und deutsche AKWs.

olche Irritationen sind umso unerfreulicher, als beide Länder seit dem Wendejahr 1989 erhebliche Vorleistungen erbracht haben: Im hochindustrialisierten Tschechien konnten österreichische Unternehmen - vor allem Zulieferer, Banken und Versicherungen - ein starkes Netzwerk der Kooperation aufbauen; seit dem Vorjahr sind die Tschechen zum wichtigsten Osthandelspartner Österreichs aufgerückt; tschechische Touristen sind bereits - vor allem im Winter - unverzichtbar für den österreichischen Fremdenverkehr. Und es gibt eine enge Kooperation in den Bereichen Wissenschaft und Schule.

Der Zufall wird aber nachgerade zum historischen Schicksal, wenn heute auf tschechischer Seite nicht irgendwer an der Spitze der Prager Außenpolitik steht, sondern der beste Kenner der jüngeren Zusammenarbeit und Träger einer großen Tradition - Karl Johannes Prinz zu Schwarzenberg:
Es besteht daher bis auf weiteres die ideale Gelegenheit sowohl für Tschechien wie Österreich, die „Missverständnisse" zu begradigen und alles das an Vertrauensbildung nachzuholen, was man vor genau hundert Jahren - 1908/09 - versäumt hat.
Nochmals Jirí Gruša, Chef der Diplomatischen Akademie in Wien: „Hätte man aus der Monarchie rechtzeitig eine Österreichische Union gemacht, hätten wir uns in der Geschichte viel erspart."

Der Autor: Der Journalist, Historiker und Buchautor Hans Magenschab war bis 2004 Pressesprecher des Bundespräsidenten und ist Chefredakteur der Kulturzeitschrift „morgen".

  • Magenschab: Eine ideale Gelegenheit, verspieltes Vertrauen wiederherzustellen.
    foto: standard/christian fischer

    Magenschab: Eine ideale Gelegenheit, verspieltes Vertrauen wiederherzustellen.

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