2009: Höllenfahrt ins Reich des Glücks?

1. Jänner 2009, 19:03
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Wenn wir die ökonomischen Turbulenzen überstehen wollen, bedarf es auch einer Überprüfung unseres individuellen Lebensstils - Von Timothy Garton Ash

Glückliches neues Jahr? Das soll wohl ein Witz sein. 2009 wird mit Wehklagen beginnen - und dann gehts weiter bergab. Millionen Menschen weltweit wurden durch diese erste wirklich globale Krise des Kapitalismus bereits arbeitslos gemacht, bald werden sich die Jobverluste im achtstelligen Zahlenbereich bewegen. Und die Glücklichen unter uns, die noch Arbeit haben, werden sich ärmer und unsicherer fühlen. Zur Feier seines Wirtschaftsnobelpreises prophezeit uns Paul Krugman für die kommenden Monate eine "ökonomische Höllenfahrt" . Danke, Paul, auch dir ein glückliches neues Jahr.

Die ökonomischen Probleme werden zugleich die politischen Spannungen überall verschärfen. Deswegen schon vom Tod des Kaitalismus zu reden, wäre allerdings übertrieben. Ich glaube nicht, dass 2009 für den Kapitalismus das ist, was 1989 für den Kommunismus war. Vielleicht aber muss ich das am 1. Jänner 2010 zurücknehmen. Propheten ziehen meistens den Kürzeren. (Im Vorhersage-Kalender des Economist "Die Welt im Jahr 2009" schreibt der Herausgeber eine mutige und amüsante kleine Kolumne mit dem Titel "Über 2008: Sorry!" ). Aber an diesem Jahresbeginn sehe ich am Horizont weit und breit keinen ernsthaften Herausforderer für dieses System - ganz im Gegensatz zum Sowjetkommunismus in den letzten Tagen vor 1989. Das Sozialismus-Modell des Hugo Chavez ist davon abhängig, dass Kapitalisten sein Öl kaufen, und wer von Nordkorea schwärmt, sollte sich nach einem Arzt umsehen.

Nichtsdestotrotz wäre es ein grober Fehler, die Grundsätze der sog. neoliberalen Spielart des Kapitalismus, der die letzten zwei Dekaden nach 1989 triumphierte, in seinem Jubiläumsjahr nicht einer fundamentalen kritischen Prüfung zu unterziehen. Das gilt zunächst und vor allem für die Balance zwischen Staat und Markt, öffentlich und privat, "sichtbarer" und "unsichtbarer Hand".

Mehr staatliche Interventionen

Nicht zufällig hat Barack Obama sogar schon vor dem Börsengau im vergangenen September versucht, seine Mitstreiter auf die Grundhaltung einzuschwören, dass "Regierung" nicht per se ein Schimpfwort ist. In den Folgemonaten kam es zu einer massiven Ausweitung staatlicher Interventionen. Wie viele dieser Maßnahmen nur temporären oder dauerhaften Charakter haben werden, lässt sich derzeit noch nicht absehen. Die meisten Bemühungen zielen zwar gegenwärtig auf eine Stärkung der "sichtbaren Hand", aber das muss nicht für alle gelten. Ein führender chinesischer Wirtschaftsreformer erklärte mir vor kurzem, dass Asiens Finanzkrise vor 10 Jahren als Katalysator für eine marktorientiertere Reform der chinesischen Ökonomie fungiert hat und diesmal werde es ähnlich sein.

Sollte er recht haben, könnte man sich am Ende sogar eine Art globale Konvergenz auf Basis irgendeiner Form von sozialer Marktwirtschaft europäischen Zuschnitts vorstellen, der sich das US- und das chinesische Modell jeweils von unterschiedlichen Seiten annähern. Die Betonung liegt dabei auf "irgendeiner form" . denn selbst innerhalb Europas gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Verknüpfungen von Staat und Mark: Was etwa für einen kleinen skandinavischen Staat gut ist, muss noch lange nicht in einem großen Land im Süden funktionieren. Es gibt kein Patentrezept. Entscheidend ist, dass es funktioniert.

Ein zweiter Punkt, der 2009 überdacht werden muss, betrifft die Frage der erforderlichen Mittel im Kampf gegen den Klimawandel. Es geht sowohl um die Frage der Dimension als auch der Art des Wachstums. Und wieder ist es Obama, der versucht, die Krise als Chance wahrzunehmen, indem er seine Steuerpolitik zugunsten von Investitionen in Alternativenergien ausrichtet. Was aber wohl nichts daran ändern wird, dass 2009 in Summe ein schlechtes Jahr für den Klimaschutz sein wird.

Für eine Umorientierung in Richtung einer nachhaltigen, schadstoffarmen Ökonomie bräuchte es sowohl Politiker als auch Unternehmer, die bereit sind, zugunsten langfristiger Ziele kurzfristig hohe Kosten in Kauf zu nehmen, Wenn aber beide mit dem Rücken zur Wand stehen, machen sie üblicherweise das Gegenteil. Im besten Fall dürfen wir vielleicht darauf hoffen, dass unsere politischen Eliten nicht in die nationalistische Ökonomie der 1930er-Jahre zurückfallen. Um mehr zu erreichen bräuchte es aber auch eine grundlegende Änderung der Erwartungen, die Wähler und Aktionäre an sie richten. Solange wir selbst diesem kurzfristigen Erfolgsdenken verhaftet sind, sollten wir die Politiker nicht dafür schelten, dass sie uns genau das geben, was wir von ihnen fordern.

Überprüfung der Leitwerte

Es bedarf also drittens auch einer Überprüfung unserer Leitwerte: Wie viel Zuwachs an Geld und Produkten brauchen wir? Können wir auch mit weniger auskommen? Was ist für unser persönliches Glück am zuträglichsten?

Kaum zu glauben, aber wahr: In der Wissenschaft befasst sich mittlerweile eine ganze Disziplin mit Glücksforschung. Der Ökonom Richard Layard hat ein interessantes Buch geschrieben mit dem Titel: "Glück: Lehren einer neuen Wissenschaft". Ein holländischer Gelehrter, Ruth Veenhoven, hat eine weltweite "Datenbank des Glücks" , einschließlich nationaler Rankings, erstellt, und an der Universität Leicester wurde ein Konkurrenz-Ranking für einen neuen "Weltatlas des Glücks" publiziert. Es gibt mittlerweile sogar ein Magazin namens "Journal of Happiness Studies". Was immer man aber auch von all dem halten mag - verzeih, liebe Wissenschaft -, man kann locker eine "happy hour" im Internet verbringen, wenn man sich bei all den Neuerungen auf diesem Sektor auf den letzten Stand bringen will.

Spaß beiseite: Neuerungen werden nötig sein - und sie werden insbesondere die Mittel-Klasse-Bürger der reichen Länder treffen. Es ist offenkundig, dass der Planet nicht 6,7 Milliarden Menschen verkraften kann, wenn alle auf dem Mittelklasse-Level Nordamerikas und Westeuropas leben, Und das heißt: Entweder wir schließen einen Großteil der Menschheit vom Wohlstand aus oder wir müssen unseren Lebensstil ändern.

Das Mantra, dem sich die meisten politischen Führer für 2009 verschrieben haben, lautet: Zurück zum Wirtschaftswachstum - um jeden Preis. Wie die Führungscrew eines Schiffes, das in einen Sturm geraten ist, wollen sie einfach nur Kurs halten, egal welchen. Aber selbst wenn wir der schlimmsten Phase des Sturms trotzen, die uns ja erst bevorsteht, sollten wir genau darauf achten, in welche Richtung wir uns bewegen. Das erfordert höchste Führungskompetenz. Aber auch Bürger, die diese einfordern. Wäre ich selbst glücklich darüber, wenn man mir bestimmte Änderungen meines Lebensstils abverlangen würde? Wohl kaum. Aber ich würde wenigstens gerne wissen, welche. (Timothy Garton Ash, DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2009)

Zur Person

Timothy Garton Ash, Schriftsteller und Historiker, lehrt am St. Antony's College in Oxford. Übersetzung: Mischa Jäger.

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    Im alten Jahr gerade noch einmal Schwein gehabt. Aber im neuen wird sich wohl manches ändern müssen.

  • Timothy Garton Ash: Wirtschaftswachstum um jeden Preis?
    foto: fischer

    Timothy Garton Ash: Wirtschaftswachstum um jeden Preis?

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