Kopf des Tages: Antikorruptionsjäger Walter Geyer

29. Dezember 2008, 20:33
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Fast allein gegen Mafia und Korruption - "Sanfter Start" des Staatsanwaltes am 1. Jänner

Walter Geyer, der am 1. Jänner sein Amt als Antikorruptionsstaatsanwalt antritt, konstatiert im Gespräch mit dem STANDARD etwas bedauernd einen "sanften Start" seiner neuen Behörde. Zuständig ist man nur für Fälle, in denen die Polizei nach dem 1. Jänner zu ermitteln beginnt. Was noch fehle, sei eine eigene Antikorruptionseinheit der Polizei.

Seine wilden, aktionistischen Jahre seien endgültig vorbei, sagt Walter Geyer. Das muss er ja auch sagen, von einem Staatsanwalt erwartet man das - umso mehr von Österreichs oberstem Korruptionsjäger, der der 61-Jährige ab 1. Jänner 2009 sein wird.

Tatsächlich gehört Aktionismus seiner politischen Vergangenheit an: Als Vizeklubobmann der Grünen reiste er 1987 ins kommunistische Ungarn, um gegen das (von Österreich mitfinanzierte) Donaukraftwerk Nagymaros zu demonstrieren - und wurde prompt ins Gefängnis geworfen.
Als er, angeödet von den parteipolitischen Querelen der Ökos, wieder in sein angestammtes "Geschäft", die Justiz, zurückkehrte, ward es ruhig um die Person Walter Geyer - nicht aber um den Staatsanwalt und Ermittler. Er brachte mit höchster Akribie und einem beinahe schon romantisch anmutenden Gerechtigkeitssinn äußerst komplizierte und spektakuläre Fälle vor Gericht - etwa jenen eines polnischen Mafiapaten, der sich darauf spezialisiert hatte, Staatsanwälte durch Säureattentate zu entstellen.

Eine gewisse Wildheit und Unangepasstheit gegenüber etablierten "Systemen" wird sich der unter Kreisky politisierte Geyer aber wohl nie abgewöhnen. So sehr er vom Reformwillen des damaligen Justizministers Christian Broda beeindruckt war, so wild machte ihn dessen Freunderlwirtschaft. Er ermittelte gegen Hannes Androsch, leitete die Gruppe gegen organisierte Kriminalität und machte sich bereits in den 80er-Jahren für die Abschaffung der Weisungsgebundenheit von Staatsanwälten stark.

Die ist bis heute nicht verwirklicht - was ihn als Korruptionsstaatsanwalt wohl noch weiter stören wird. Geyer macht kein Hehl daraus, dass ihm der Start der neuen Institution - mit zunächst nur eineinhalb Staatsanwälten, ohne nennenswerte finanzielle Mittel, mit eingeschränkter Zuständigkeit - "sehr sanft" erscheint. Doch niemand im Justizbereich zweifelt, dass Geyer genug Persönlichkeit hat, um aus der "Minibehörde" ein schlagkräftiges Instrument im Kampf gegen Korruption zu machen.

So streng er gegen "große Fische" vorgeht, so mild war er stets zu den Kleinen: Der Vater zweier erwachsener Kinder kümmert sich seit seinen Tagen als Chef der Jugend-Staatsanwälte besonders um die Resozialisierung jugendlicher Krimineller. Gemeinsam mit Exjustizministerin Karin Gastinger machte er sich für ein Kinderheim in Bulgarien stark, das sich um ausgebildete Taschendiebe kümmert. Seither hat der organisierte Taschendiebstahl in Wien stark abgenommen.
(Petra Stuiber/DER STANDARD-Printausgabe, 30.12.2008)

 

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    Walter Geyer, ab Jahresanfang erster Korruptionsstaatsanwalt.

     

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