30.000 US-Soldaten mehr für neue Afghanistanpolitik

20. Dezember 2008, 19:15
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Barack Obama setzt neuen außenpolitischen Schwerpunkt beim Krieg gegen die radikalislamischen Taliban

Wien/Washington - Graeme Wood, ein US-Journalist mit einiger Erfahrung aus den zwei Bush-Kriegen im Irak und in Afghanistan, hat Anfang Dezember ebenso absurde wie frustrierende Post aus der Provinz Kandahar für den New Yorker mitgebracht. Sein „Letter from Afghanistan" schildert ein paar Tage mit einer Polizeieinheit, die Krieg gegen die Taliban führt, weil die Soldaten der ANA, der neuen afghanischen Armee, dazu nicht imstande sind: Sie rauchen lieber Opium und winken an Checkpoints bewaffnete Taliban durch - am Monatsende gibt es ohnehin immer den Sold. Dass die ungewöhnlich motivierte Polizeieinheit der Minderheit der Hazara angehört und mit kanadischen Ausbildern Dienst im Gebiet der verhassten Paschtunen versieht, ist der andere Teil der Geschichte.

Woods Bericht ist Teil der chaotischen Realität in Afghanistan, die Barack Obama nun erbt. Der kommende US-Präsident hatte schon im Wahlkampf eine Kurskorrektur angekündigt. Den Krieg in Afghanistan und das Wiedererstarken von Al-Kaida und der Taliban habe die Regierung von George W. Bush sträflich vernachlässigt. Zwei bis drei Brigaden würden die USA unter seiner Führung zur Verstärkung nach Afghanistan schicken, kündigte Obama an. Der Stabschef der US-Armee, Mike Mullen, machte nun Ernst.

Der gewählte Präsident ist noch nicht im Amt, doch Admiral Mullen gab schon die Aufstockung der US-Truppen bis zum Sommer 2009 um 20.000 bis 30.000 Soldaten bekannt. 3000 zusätzliche Soldaten treffen bereits im Jänner ein.
Obamas Schwenk in der Kriegspolitik - langfristig Abzug aus dem Irak, dafür Verstärkung in Afghanistan - lässt sich dank einer Personalentscheidung frühzeitig bewerkstelligen: Bob Gates bleibt US-Verteidigungsminister. Er ist der eigentliche Mann des Übergangs in Washington, der Pentagonchef, der in der Bush-Administration sitzt, aber schon für die Obama-Administration vorarbeitet.

Dasselbe gilt für David Petraeus, den Kommandeur des Central Command, der die Kriege im Irak und Afghanistan leitet und mit seiner bisher halbwegs erfolgreichen Strategie der Truppenaufstockung im Irak ein Modell für den anderen Kriegsschauplatz geliefert hatte.
Innerhalb der nächsten drei Jahre sollen die US-Truppen in Afghanistan nahezu verdoppelt werden auf 136.000 Soldaten. Damit steigt auch wieder der Druck auf die _europäischen Nato-Staaten. Die „richtige Balance" bei der Aufteilung der Lasten müsse herrschen, sagte der Sprecher des Bündnisses, James Appathurai am Wochenende. Die Regierungen in Europa rechnen mit einem Aufruf zu weiteren Truppenentsendungen bereits kurz nach Obamas Amtsübernahme am 20. Jänner.

Dass eine einfache Verstärkung des Militärs den Krieg in Afghanistan beenden könnte, glaubt freilich niemand. Auch mit 130.000 Soldaten und weit weniger Skrupel beim Einsatz gelang es der Sowjetunion während zehn Jahren Krieg nicht, den Widerstand der Afghanen zu brechen. Mehr Druck auf Präsident Hamid Karsai, gegen die Korruption in den eigenen Reihen anzukämpfen und neue Koalitionen mit Stammesführern gegen die Taliban gehören zu Obamas Strategie für Afghanistan, aber auch ein weitergehender Einsatz im pakistanischen Grenzgebiet. Dort starben erst am Montag wieder sieben Menschen durch eine US-Rakete. (Markus Bernath, DER STANDARD, Printausgabe, 23. Dezember 2008)

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    Die US-Armee hat die Regierung um zusätzlich 20.000 Soldaten für Afghanistan gebeten.

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    Pentagonchef Gates bleibt und leitet schon Obamas neuen Kurs bei Afghanistan ein.

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