Uni-Evolution oder Selektion nach Noten

30. September 2003, 17:55
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"Knockout-Prüfungen" und "Eingangsphasen" verursachen erheblichen StudentInnenstau an den Universitäten

Zeitgleich mit der WU ist auch in der Medizin vergangenen Herbst ein neuer Studienplan in Kraft getreten, der mit dem "Diplomstudium Humanmedizin" neue Lösungsversuche für die Überbelegung der Studienplätze beinhaltet. Professor Rudolf Mallinger, Mitglied des Fakultätskollegiums, nennt die Konzentration der verschiedenen Zulassungsprüfungen auf eine "große Knockout-Prüfung am Jahresende" als eine wesentliche Verbesserung.

Unter den 570 Besten

Diese unter dem Kürzel "SIP 1" bekannte Hürde müssen Medizinstudenten nach dem ersten Abschnitt überwinden. In den zweiten Abschnitt kommen sie allerdings nur dann, wenn sie diese bestehen und zusätzlich noch unter den 570 Besten von insgesamt 1800 ihres Jahrgangs sind. "Allen Studenten, die den ersten ,Knockout' hinter sich gebracht haben, wird ein rascher Studienfortschritt ohne größere Verzögerung möglich sein", verspricht Mallinger und rät all jenen, die ein Jahr warten müssen, ihre Zeit "beispielsweise für die 30 Stunden an Wahlfächern" zu nutzen.

Der Schwerpunkt auf klinische Fächer und Kleingruppenunterricht wäre mit mehr Leuten nicht durchführbar, so Mallinger. Ziel sei die Reduktion der durchschnittlichen Studiendauer "von momentan neun Jahren". Eine mögliche "Aufstauung" von wartenden Studierenden birgt allerdings noch Konfliktpotenzial.

Mit vergleichbaren Bedingungen, jedoch härteren Konsequenzen haben sich die Studenten der Veterinärmedizinischen Fakultät zu plagen. Nach dem ersten Semester müssen zwei kommissionelle Gesamtprüfungen bestanden werden. "Das Harte an diesen Multiple-Choice-Prüfungen ist, dass man bei Nichtbestehen ein ganzes Jahr verliert", erzählt Ulla Winkler, erste Stellvertreterin des ÖH-Vorsitzenden, dem STANDARD.

Ein Jahr verloren

Der Grund: Wenn man diese Zeugnisse nicht bis zum Ende des Wintersemester nachweisen kann, wird man zu den Übungen, die nur im Sommersemester stattfinden, nicht zugelassen und muss ein Jahr warten. "Von etwa 300 Erstsemestrigen, die zu den Prüfungen antreten, rechnen wir damit, dass circa 120 bis 130 Studierende weiterkommen", so Michael Schmeidl, Leiter der Studien- und Prüfungsabteilung zum STANDARD.

Die "Vorprüfungen" seien nicht als "Knockout" gedacht, sondern um Studenten an Fächer wie Physik oder Chemie heranzuführen, wo einigen die Grundlagen fehlen, erklärt er. "Es wird auf eine Art ausselektiert, die nicht zielführend ist", entgegnet Ulla Winkler. Die Studentin Eva sieht die Prüfungen an ihrer Uni als "reine Studentenschinderei". Trotzdem kann sie dem Gedanken, dass dadurch nur noch jene weiterstudieren können, die auch ernsthaft dabei sind, etwas Positives abgewinnen.

Auch die angehenden Psychologen in Wien haben sich zu Beginn des Studiums durch eine "Eingangsphase" zu kämpfen. In Form einer zweiwöchigen Ringvorlesung werden alle Bereiche vorgestellt und in einer umfassenden Prüfung abgefragt, welche Voraussetzung für weitere Seminare ist. Wegen des akuten Studentenzuwachses wurde 1997 diese Vorprüfung für Psychologen in Wien eingeführt. Den Grund für den rapiden Anstieg der Psychologie-Studenten sieht Uni-Wien-Rektor Georg Winckler in dem starken Wunsch nach Selbstfindung: "Wir wissen, dass das Interesse an der Psychologie mit einer Phase der Selbsterkenntnis zusammenhängt", welche, so Winckler "in der Gesellschaft nicht entsprechend legitimiert ist."

Vier in einer Übung

Mit anderen Problemen kämpfen die Studierenden an den Kunst-Unis. Da jährlich nur wenige Studenten die Aufnahmeprüfung bestehen, kann es vorkommen, dass die Mindestzahl von fünf Teilnehmern unterschritten wird und keine Lehrveranstaltungen angeboten werden dürfen. Florian Seidl, Mitglied des Gründungskonvents an der Kunstuni Linz, schildert einen Fall: "An der bildenden Kunst sind im Wintersemester nur fünf Leute aufgenommen worden, wovon sich einer verabschiedet hat. Nun steht dieses Institut vor einem massiven Lehrproblem."

Manuel Deroo, stellvertretender ÖH-Vorsitzender am Mozarteum in Salzburg, erklärt das Problem der gegenwärtig unvermeidbaren Eingangsprüfungen an seiner Uni: "Zu uns kommen Studierende aus aller Welt, besonders wegen bestimmter Professoren, deren Lehrkapazität jedoch beschränkt ist." Eine Ausweitung des Lehrpersonals hätte aufgrund der von den Studenten bevorzugten Lehrenden und deren Stils, deshalb wenig Sinn. "Ich finde Eingangsprüfungen grundsätzlich nicht in Ordnung, sie scheinen bei uns aber momentan notwendig", betont Deroo.

Gibt es in Österreich trotz Eingangsprüfungen noch einen freien Hochschulzugang? "Nein", meint ÖH-Vorsitzende Andrea Mautz. "Dieser wird zunehmend eingeschränkt. Zuerst durch Studiengebühren, jetzt durch Knockout-Prüfungen." Das meint auch Susanna Landauer vom Kommunistischen StudentInnen Verband: "Die Studiengebühren sind sehr wohl eine Zugangsbeschränkung, Studieren ist ja auch sonst teuer genug." Für eine Abschaffung der Gebühren kämpfe die ÖH weiter, sagt Anita Weinberger, zweite Frau im Vorsitzteam der ÖH.

Rektor Winckler erklärt: "Der Grund, weshalb die Universitätsleitung 2000 gegen die Einführung von Studiengebühren eingetreten ist, war nicht, dass sie eingeführt wurden, sondern weil die Universitäten fast nichts davon gesehen haben. Wir sagten, das sei nur eine Studentensteuer."

Wachsende Studentenzahlen bei gleich bleibenden Geldern vom Bildungsministerium bringen manche Unis dazu, die Einführung von Eingangsprüfungen zu erwägen. Andrea Puslednik, Sprecherin der GRAS, führt das auf die Politik der Bildungsministerin zurück. Im Interview mit dem STANDARD meint Elisabeth Gehrer dazu: "Wir haben die höchsten Ausgaben pro Studierenden in Europa, mit diesem Geld kann man doch die Anforderungen bewältigen. Wenn jetzt zum Beispiel ein Rektor den Schwerpunkt nicht auf Psychologie haben will, dann kämpfen die dort eben mit Schwierigkeiten. Oder man bietet kreative Lösungsansätze wie WU-Rektor Badelt, der auch in den Sommerferien Kurse anbietet."

Das Mitbestimmungsrecht geht laut Bildungsministerin nicht verloren: "Ich glaube, es hat wenig Sinn, wenn Studenten in jedem Gremium mit einer Drittelparität vertreten sind und quälende Verwaltungsvorgänge mitmachen müssen. Teilweise sind sie gar nicht mehr zu den Sitzungen gekommen."

Studentische Visionen

Der Blick in die Zukunft verspricht auch andere Lösungsansätze: Die ÖH erwartet sich eine verbesserte Aufteilung der Studierenden auf die verschiedenen Studienrichtungen durch zunehmende Sequenzierung der Lehrveranstaltungen, verstärkte Erstsemestrigen-Beratung sowie Maturantenberatung. Auf diese Weise würden Eingangsprüfungen überflüssig werden.

Einige der vom UNISTANDARD befragten Studenten haben Vorschläge für langfristige Verbesserungen parat. "Man sollte uns mehr Selbstverantwortung bei der Auswahl der Studieninhalte zutrauen", sagt Florian. Im Unialltag könnte man das durch mehr Projektarbeit und verstärkte Vernetzung der Studienrichtungen erreichen. "Denn auch im späteren Berufsleben wird Eigenständigkeit gefordert."

(UNI-STANDARD, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.3.2003)

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