Polnische Befehlshaber wollen keine Schießbefehle geben

15. Dezember 2008, 16:01
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Soldat: "Panisches Verbot der Waffenbenutzung" - Zahlreiche Aufständische bei Kämpfen getötet

Warschau/Kabul - Polnische Soldaten in Afghanistan benützen immer seltener ihre Waffen. Nicht, weil sie diese nicht brauchen würden, sondern weil ihre Befehlshaber Befehle zur Waffennutzung fürchten, wie die Soldaten in Internet-Foren schreiben. Die Offiziere sind sich der Zeitung "Gazeta Wyborcza" zufolge der Situation bewusst. Laut ihnen ist die Furcht vor dem Waffengebrauch die Folge eines Einsatzes in Nangar Khel, bei dem polnische Soldaten im vergangenen Jahr afghanische Zivilisten getötet hatten und sich deswegen vor Gericht verantworten müssen.

"Es herrscht ein panisches Verbot der Waffenbenutzung", so ein anonymer Soldat des polnischen Kontingents in Afghanistan in seinem Eintrag in einem unabhängigen Armee-Internetforum. Er beschreibt auch eine Situation vor einigen Tagen, als einer der Offiziere befohlen habe, ohne Waffen nach Taliban zu fahnden. Solche Situationen seien keine Ausnahme, meinte der Soldat. Befehlshaber sollen sogar absichtlich Aktionen der Schnellen Eingreiftruppe verzögern, damit es nicht zum Schusswechsel mit den Taliban komme.

Nangar Khel-Syndrom

Das Hauptkommando des Heeres ist sich der schwierigen Situation bewusst. "Das ist das Nangar Khel-Syndrom. Es ist wie eine Krankheit, die die Armee lähmt. Wenn jemand dachte, dass man es einfach loswerden kann, irrte er sich", sagte etwa General Skrzypczak gegenüber der "Gazeta Wyborcza".

Ein anderer hoher Offizier, der anonym bleiben wollte, erinnerte an die Erklärungen von Premierminister Donald Tusk und Verteidigungsminister Bogdan Klich, die vor einigen Monaten versprochen hatten, Soldaten müssten sich nicht fürchten, ihre Waffen zu benutzen. "Nichts, absolut nichts hat sich an der Mission geändert. Leute fürchten zu schießen, weil sie über sich einen Gendarmen und einen Staatsanwalt haben", betonte der Offizier.

Er forderte außerdem eine unverzügliche Änderung der Regelungen über die Waffennutzung. Verteidigungsminister Klich wollte sich zu dieser Angelegenheit nicht äußern.

Den Soldaten, die an der Aktion in Nangar Khel teilgenommen hatten, wird vorgeworfen, mit dem Beschuss der Ortschaft mit Mörsergranaten am 16. August 2007 die Haager und die Genfer Konvention zum Schutz von Zivilisten im Krieg verletzt zu haben. Den Angeklagten drohen wegen der Tötung von Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, lebenslange Haftstrafen. Polen beteiligt sich zur Zeit mit fast 1.200 Soldaten am ISAF-Einsatz in Afghanistan.

Zahlreiche Aufständische bei Kämpfen getötet

Bei Kämpfen im Süden von Afghanistan sind nach Regierungsangaben 40 Aufständische getötet worden. Die Gefechte zwischen einer gemeinsamen Einheit aus afghanischen und NATO-Soldaten und den Aufständischen dauern seit Donnerstag an, wie Behördensprecher Dawood Ahmadi am Montag erklärte. Auch ein ranghoher Talibanführer sei unter den Opfern der Kämpfe in den Bezirken Nad Ali und Murja der Provinz Helmand. Ein NATO-Sprecher bestätigte den gemeinsamen Einsatz, wollte jedoch keine Angaben zu möglichen Opfern machen.

Ahmadi zufolge haben die Behörden bisher sieben Leichen von Taliban-Kämpfern geborgen, laut Geheimdienstinformationen sind jedoch mindestens 33 weitere getötet worden. Mullah Salim, der Chef des Taliban-Rats in den beiden Bezirken, sei getötet worden, sagte Ahmadi. Die Räte der Aufständischen gelten gerade in Helmand als so einflussreich, dass sie bisweilen als heimliche Regierung bezeichnet werden. (APA/red)

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