Ein Iguana namens Elvis - Katharina Tiwald

12. Dezember 2008, 18:02
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"The friendly town" ist Tifton laut Stadt-Homepage. Bei Tageslicht, als ich ins Stadtzentrum und in den Supermarkt gekarrt wurde, dachte ich nur: Oh. Mein. Gott. Ich will. Nach Hause

Die alte Frau mit dem kurzen Haar in super Locken fragte mich, ob es stimme, dass ich Krebs habe. Jemand von den anderen Studenten habe es ihr gesagt. Ich schaute sie verwundert an und sagte: Nein, ich habe keinen Krebs. Ich wollte mir einfach die Haare rasieren, das ist alles. Daraufhin war sie erleichtert und zog ihren Scanner über meinen Studentenausweis, woraufhin ich eintreten durfte ins kulinarische Zuhause, den Fress-Parcours am Campus, ich hatte schon viel weitere Hosen gekauft, bei WalMart auch ein neongrünes Kleid, das in der unglaublichen Mai-Hitze das beste aller Kleider war; ich mochte dieses Kleid also unglaublich und trug es an zwei Tagen hintereinander, was Matt Cook, den Studienkollegen, zu der Bemerkung veranlasste: Katharina must like this dress a lot, she already wears it the second day. Da hatte ich also wieder eine Hygiene- und Schönheitsregel nicht gelernt gehabt.

Es ist sommers so heiß in Georgia, dass man glaubt, die rote Erde sei von der Sonne so rot. Sie ist aber immer so rot. Sie wirkt wie zermalmte Ziegel. In den zermalmten Ziegeln wurzeln Pinien, umschlungen von einem blättrigen, üppigen Quergewächs, das Kudzu heißt, ein wunderbares Parasitengewächs; so hoch wie die Pinien sind nur die Billboards, hoch über die Gebäude ragende Tafeln, die dem Reisenden, der in seinem klimatisierten Schlitten den Highway entlanggleitet, anzeigen, wo man tanken, essen, trinken, nächtigen, was kaufen kann. Oder auch, was Gott zu alldem zu sagen hat. Gott, sagt eine Kommilitonin, die ich flüchtig kennenlerne, habe etwas gegen Schwule, deswegen gebe es ja auch Aids: als Strafe.

An manchen Tagen geht die Sonne wie ein Feuerball über der flachen Welt unter, auf die Pinienwipfel und die ziegelrote Erde zu. Im September, als ich frisch angekommen war in Tifton, Georgia, stand ich an den Abenden draußen und schaute der roten Kugel beim Sinken zu. 15.000 Einwohner, ein Stückchen nördlich von der Grenze zu Florida, "das muss der Stadtrand sein da", sagte ich nachts am Telefon zu meiner Mutter, zum ersten Mal die Füße auf Tifton-Boden. Bei Tageslicht, als ich ins Stadtzentrum und in den Supermarkt gekarrt wurde, dachte ich: Oh. Mein. Gott. Ich will. Nach Hause.

Tifton, darauf machte mich ein paar Wochen später ein neu gewonnener Freund aufmerksam, Aaron, der einen Iguana namens Elvis aufzog, sei eigentlich andersrum zu lesen: Not fit. "The friendly Town" ist Tifton laut Stadt-Homepage; ein bebautes Raster mit Gebäuden im neogriechischen Stil, Säulen über Backstein; überdachte Terrassen vor den Haustüren, Holz, Southern Living, ein Feature in den Küchen ist der Abfluss, durch den man bequem allen Küchenabfall stopfen kann, es sieht sogar schick aus, effizient, irgendwie funktioniert das, ich weiß nicht, wie, ich habe mich nie zurechtgefunden in diesem Geflecht, als Führerscheinlose, als ewig Gefahrene und Gelotste habe ich mich nicht orientiert, habe aber eine Ahnung von meinen heiligen Plätzen in Tifton. Dort, wo ich einen geküsst habe, den ich sehr liebte (und umgekehrt), das überwachsene Amphitheater aus den Fünfzigern (ich würde nie wieder hinfinden), die Coffee Corner, der Backstage-Bereich des räudigen Theatergebäudes am Campus.

No sex, okay?

Übrigens (von wegen Küchenabfluss, apropos Effizienz) sind alle US-Toiletten, die ich gesehen habe, mit dermaßen zierlich gebauten Röhrchen versehen, dass man gezwungen ist, seine Küchenabfälle in Portionen auszuscheiden - gelingt nicht immer, ich kann es bezeugen, ich habe mehrere Badezimmer unter Wasser gesehen und das erste Mal kaum glauben können, dass der Wasserspiegel in der Kloschüssel stieg und stieg und - "Früher" , sagte ein Komiker in einer Late-Night-Show, früher, da habe man lebende Schweine das Klo runterspülen können! Jetzt mache sogar eine Erbse Probleme.

Aber wir waren beim Küssen und am Campus. Viele der studierenden Jungs trugen Cowboyhüte, verstanden sich als Rednecks und/oder Baptists. Und während eine unsichtbare, unangreifbare Mauer die einen Hautfarbenträger von den anderen trennte, nur einige wenige bei den jeweils andershäutigen Gruppen dabeistanden, in der Theatergruppe alle weiß waren und Shakespeare probten, den Kurs über "African American Studies" als einzige Weiße nur ich und ein Typ besuchten, den sie "Beast" nannten, weil er groß war und das Haar eines Löwen hatte, trennte die andere unsichtbare Linie die Rednecks und Baptists von denen, die zwar auch keinen Pass hatten, die aber vorhatten, irgendwann einen zu beantragen, weil sie die Welt erkunden wollten.

Britt und Aaron. Wir telefonierten stundenlang. Einer, der auf der Gunsmoke Road wohnte und den ich sehr liebte, rannte einmal mit mir durch prasselnden Regen zur Bibliothek, wo alle Bücher frei herumstanden (kein Vorbestellungs-Schnickschnack wie in Europa), dann verschwand er, und ich stand mit einem Buch in der Hand zwischen den Regalen, als plötzlich leicht und mit leisem Plumpsen Bücher auf mich zu regnen begannen. Er stand auf der anderen Seite und stieß sie sanft zu mir herüber (wir waren am Ende des Jahres zusammen in Österreich, er musste extra einen Pass beantragen. Seine Großmutter hatte ihn stirnrunzelnd gefragt, ob es dort auch Waschmaschinen gebe; er hatte unsere lustigen österreichischen Fenster-, Türschnallen fotografiert, wo sie in Georgia ja bloß Schiebefenster und Türknubbel haben; wir waren am Ende in Budapest, und ich musste ihn zum Flughafen bringen, er flog zurück über den Atlantik, das war eine Schmerzqualität, wie ich sie vorher nicht gekannt hatte.)

Im College-Chor fiel einmal der Starsolist vor der Starsolistin auf die Knie und machte ihr einen Heiratsantrag, beide waren knapp 19, und der Chorleiter warf grinsend die CD mit dem Messias-Halleluja ein. Ich nehme an, die beiden haben sich ebenso aufgehoben für die Ehe wie viele andere Teenager in den Südstaaten auch. Rohdiamanten. Jody, mit der ich mein Zimmer teilte, war nicht auf diesem Schiff unterwegs (das den Ehehafen anfährt), sie war groß, dick, trug schwarzes Haar und Baseballkappen, sie schob Nachtschicht um Nachtschicht in der Baumwoll-Fabrik, um sich das Krankenpflegestudium leisten zu können, legte sich morgens um sieben für eine Stunde ins Bett, schluckte eine Koffeintablette, machte ihre Tagessachen und erklärte mir, wie sich ein Orgasmus anzufühlen habe.

An diesem Wissen arbeitete ich (unter anderem), obwohl uns versammelten Stipendiatinnen und Stipendiaten ein Rotarier mit einem Propeller auf seinem lustigen Hut bei der Empfangsrede im September beiläufig gebeten hatte: No sex, okay? An Mittwochmittagen war ich ab und zu im Holiday Inn, bei den wöchentlichen Treffen, und aß "fried chicken" und "coleslaw" vom Buffet, nachdem die Rotarier ihren Eid auf die Flagge geschworen hatten, den ich nicht mitsprechen wollte, wozu sollte ich ihn auch mitsprechen, manchmal sangen sie ein Lied, es gab ein leicht dumpfes, leicht verstimmtes Klavier, ein Hit aus dem Repertoire begann mit den Worten "America, the beautiful".

Der, den ich sehr liebte, hat mir einige Male die Kopfhaut scheren geholfen, ich hatte den Kopf über das Becken gebeugt, und er bearbeitete ihn mit einem Ladyshave-Ding in Weiß und Pink. Er lernte ein bisschen Französisch und ein bisschen Deutsch, ich versuchte, ihm die Namen der Farben einzuprägen, und er hatte Fische in einem Aquarium (alles von WalMart). Er schaffte es nicht, dass die Fische sich bei ihm wie zu Hause fühlten. Einer nach dem anderen trieb mit dem Bauch nach oben im Wasser. Er las On The Road von Kerouac und wollte eigentlich weg, ganz weit, mit dem Kopf zumindest. War er schon. Er lachte das Loch im Himmel aus, wo kein Gott mehr war. Er hatte Angst davor, dass die Bücher, die er las, das Wunderbare verlieren würden, das sie für ihn bereithielten. Dass sie auch ganz normal werden würden.

Dabei ist Tifton, und das ist kein Scherz, seit dem Jahr 2000 "The Reading Capital of the World" . Mit Maskottchen (Ricki Reader), T-Shirts, Kaffeebechern, allem Drum und Dran. 1997, als die Vorbereitungen für die Erringung dieses bescheidenen Titels schon in vollem Gang waren, saß ich im Kurs für English Literature. Einer der Studenten beschwerte sich bei der Professorin darüber, dass die Texte auf der Leseliste immer so traurig seien. "If it's not sad, it's not interesting!", fauchte sie.

Danach beschwerte sich keiner mehr.

"Es ist sommers so heiß in Georgia, dass man glaubt, die rote Erde sei von der Sonne so rot. Sie ist aber immer so rot. Sie wirkt wie zermalmte Ziegel. In den zermalmten Ziegeln wurzeln Pinien, umschlungen von einem blättrigen, üppigen Quergewächs, das Kudzu heißt, ein wunderbares Parasitengewächs". (Katharina Tiwald, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.12.2008)

Zur Person:
Katharina Tiwald war 1997/98 Stipendiatin des Georgia Rotary Student Program in Tifton, einer Kleinstadt im Süden von Georgia. Ihr Debütband "Schnitte - Portraits - Fremde" erschien Ende 2005 in der edition lex liszt 12. Zuletzt erschien von ihr der Sammelband "Berührungen" zum 80. Geburtstag von Hertha Kräftner. Foto: Dessislaw Pajakoff

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