"Nicht Hauptaufgabe, Drittmittel zu lukrieren"

9. Dezember 2008, 11:47
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Rektor Fircks erklärt im derStandard.at-Interview seine Aussage, das Wissenschaftsministerium solle abgeschafft werden

Die Auflösung des Wissenschaftsministeriums hat Wolf-Dietrich von Fircks, Rektor der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VUW), vergangene Woche gefordert. Dies wäre "ein erster Beitrag zur besseren Finanzierung und Autonomie der Universitäten". Im Gespräch mit derStandard.at erzählt er von seinen Beweggründen, fordert einen nationalen Bildunggipfel und erkärt, warum Deutschland seine Uni-Professoren jetzt davor warnt, nach Österreich zu gehen. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Kürzlich haben Sie gefordert, dass das Wissenschaftsministerium abgeschafft werden soll. Spielen Sie schon länger mit diesem Gedanken oder war das eine spontane Reaktion?

Fircks: Das war eine Mischung aus beidem, es hat nicht direkt mit den handelnden Personen zu tun, sondern mehr strukturelle Gründe und Sorge um unsere Entwicklung in einer wissenschaftsbasierten Zukunft. Es gibt seit langem Untersuchungen, die besagen, jene Länder mit der geringsten Wissenschaftsverwaltung haben die besten Universitäten. Die Schweiz, Niederlande, England, Dänemark, England, Amerika sind Beispiele dafür. Diese Länder haben ganz kleine oder gar keine Wissenschaftsministerien. Zugleich sind sie in den Rankings der Universitäten vorne.

Ich schätze sehr viele Menschen im Wissenschaftsministerium. Das sind engagierte, intelligente Menschen, aber sie betreiben ein bisschen Sisyphosarbeit. Sie sind vor allem mit bürokratischen, interministeriellen Abstimmungen beschäftigt. Damit es produktiver wird, müssen die Kompetenzen gebündelt werden.

derStandard.at: Wie gefällt Ihnen das neue Regierungsprogramm in Bezug auf die Hochschulen?

Fircks: Im Regierungsprogramm steht, die Autonomie der Unis soll durch die Weiterentwicklung der Unigesetz-Novelle gestärkt werden. Von den dann genannten fünf Punkten sind vier eindeutig gegen die Autonomie, etwa durch Einschränkungen im Budget und der eigenen Optimierungsmöglichkeiten. Der fünfte Punkt ist halbherzig. Da steht, wir sollen den Zugang zum Masterstudium autonom gestalten, aber jeder, der ein internes Bachelor-Studium abschließt, muss automatisch den Zugang bekommen. So ist es schwierig, neue und attraktive Studiengänge zu planen, weil wir nicht abschätzen können, wie viele Interessenten wir haben. Zur qualitativen Planung gehört neben dem Geld, das fehlt, aber auch eine quantitative Planung. Sie ist oft die Voraussetzung dafür, das weiß man bei jedem Kindergarten.

derStandard.at.: Auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs an unseren Unis sieht es nicht gerade rosig aus.

Fircks: Dass der Kollektivvertrag im Regierungsprogramm wieder unter Finanzierungsvorbehalt gestellt wird, ärgert mich auch sehr. Deutschland gibt schon eine Warnung heraus, nach Österreich sollte man nicht mehr als Professor gehen, weil es keine Pensionsabsicherung gibt. Eine Unterfinanzierung muss zu Personalabbau führen – oder wir lassen die jetzigen schlechten Vertragsverhältnisse und haben weiter demotivierte MitarbeiterInnen.

Die Forderung nach zusätzlichen Feriensemestern ohne zusätzliches Personal verkennt, dass in Österreich bereits jetzt zirka 104 Studierende auf eine Professur kommen, während es im übrigen Europa im Durchschnitt unter 50 sind. Die jetzige schlechte Personalausstattung führt dann dazu, dass hier zirka 50 Prozent das Studium ohne Abschluß abbrechen, während es sonst unter 20 Prozent sind.

derStandard.at: In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Sie sind dafür, dass die Unis in Konkurs gehen können. Ihre Eigenverantwortung soll gestärkt werden. Ist das die Lösung?

Fircks: Wir brauchen Rahmenbedingungen, wo anhand eindeutiger Ergebnisparameter die Finanzierung erfolgt. Es soll auch genau festegelegt werden, wie viele Studierende in welchen Feldern sich Österreich leisten will. Ich bin für Konkurrenz und Wettbewerb, man soll einander an bestimmten, international vergleichbaren Leistungskriterien messen. Wenn wir an andere hohe Anforderungen stellen, müssen wir auch selbst höchsten Anforderungen entsprechen. Das heißt, besser kein Angebot als ein Schlechtes, wo die Studierenden nachher nicht konkurrenzfähig sind.

derStandard.at: Sie wollen das Budget für die Universitäten stärker von den Leistungen abhängig machen – an welchen Kriterien wollen Sie die Unis messen?

Fircks: Das Budget soll von den Leistungen und von den Aufgaben, die den Universitäten übertragen werden, abhängig gemacht werden. Zu den Leistungskriterien: In der Forschung sollen die Unis an der Zahl der Publikationen gemessen werden. Es ist ihre Aufgabe, Neues zu schaffen und neue Erkenntnisse werden nur diskutierbar, wenn sie publiziert werden. Ein weiteres relevantes Kriterium ist, wie viele Absolventen letztendlich Beschäftigung finden. Derzeit spielt die zukünftige Berufstätigkeit von Studierenden bei den Ziel- und Leistungsvereinbarungen keine Rolle.

derStandard.at: Sie wollen, dass die Unis auch mehr Drittmittel aus der Privatwirtschaft lukrieren. Sehen Sie da nicht die Unabhängigkeit in der Forschung gefährdet?

Fircks: Es kann keine Aufgabe der Universität sein, dass quasi geheime Forschungsgeschäfte oder billige Routinekonkurrenz gemacht werden. Diese Abhängigkeit wird durch höchste Transparenz vermieden. Bei uns werden nur solche Verträge akzeptiert, in denen auch eine Publikation der Ergebnisse sichergestellt ist und eine Forschung gemäß den wissenschaftlichen Standards entsprechend gewährleistet ist. Aber unsere Hauptaufgabe ist es sicher nicht, Drittmittel zu lukrieren. Eingeworbene Drittmittel sollen auch kein Parameter für die Ziel- und Leistungsvereinbarungen sein, sondern helfen, dass wir unsere Lehr- und Forschungsaufgaben besser erledigen können. Und zum besser erledigen gehört dann, dass wir alle wirtschaftlichen Möglichkeiten der Finanzierung ausschöpfen, bei uns im letzten Jahr immerhin über 15 Millionen Euro.

derStandard.at: Das I.S.T. Austria hat nun einen Präsidenten. Viele verstehen nicht, warum wir uns eine "Eliteuni" leisten können, während die anderen Hochschulen stark unterfinanziert sind.

Fircks: Ich bin sehr begeistert davon, wenn Österreich in hochqualitative Wissenschaft und Forschung investieren will. Aber warum man das nicht von vorne herein mit den vorhandenen Einrichtungen vernetzt hat und alle die gleiche Autonomie und Finanzbedingungen bekommen, verstehe ich nicht. Da wird fürs Sahnehäubchen der vorhandene Betrieb aufs Spiel gesetzt.

derStandard.at: Haben Sie keine Angst, dass Sie jetzt "abgeschafft" werden? Hat der Wissenschaftsminister schon auf Ihren Vorstoß reagiert?

Fircks: Ich habe viele positive Reaktionen erhalten, wobei mir einige sagten, sie hätten Sorge dass ich oder die Universität jetzt bestraft würden. Ich hoffe, dass alle das sachlich sehen, weil ich ja auch den Minister und die MitarbeiterInnen im Ministerium sehr schätze und lediglich anrege, die Strukturen erfolgreicher zu organisieren. Wenn der Wissenschaftsminister nicht über Forschung und die notwendigen Finanzen der Universitäten entscheiden kann, dann muss eben die Zuständigkeit für Wissenschaft ehrlicherweise dem Finanzminister oder Kanzler zugeordnet werden. Bei einem nationalen Bildungsgipfel könnte dann von Parlament, Regierung und Universitäten entschieden werden, wie viele Studienplätze in welchen Bereichen und welche Forschungsschwerpunkte zu welchen Problemstellungen bearbeitet werden sollen. Dann könnten wir alle gemeinsam im selben Boot in die gleiche Richtung rudern. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 9. Dezember 2008)

Zur Person

Wolf-Dietrich Freiherr von Fircks, geboren 1948 in Göttingen, ist seit 2001 Rektor der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Er studierte Rechtswissenschaften und war unter anderem Kanzler der Freien Universität Berlin.

  • "Dass der Kollektivvertrag im Regierungsprogramm wieder unter Finanzierungsvorbehalt gestellt wird, ärgert mich auch sehr."
    foto: standard/hendrich

    "Dass der Kollektivvertrag im Regierungsprogramm wieder unter Finanzierungsvorbehalt gestellt wird, ärgert mich auch sehr."

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