Gespenster aus dem Bunker: "Die Nachhut"

5. Dezember 2008, 20:51
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Hans Waal schickt in seiner Vergangenheits­bewältigungs-Satire SS-Greise zurück ans Tageslicht

Unsere Geschichte versteckt unzählige Leichen in ihrem Keller. Die sind dort meistens auch gut aufgehoben. Weil Verdrängen und Verstecken zum Motor unserer Gesellschaft gehört. Das Leben, es muss ja weitergehen. Schwamm drüber! Was aber, wenn die Leichen sich als noch einigermaßen lebendig erweisen und aus ihren Löchern hervorkriechen?

Der hauptberuflich für den Stern arbeitende Reporter Holger Witzel veröffentlicht unter dem Pseudonym Hans Waal mit Die Nachhut einen bizarren Debütroman zum Thema deutsche Geschichte und dem Umgang mit dieser. Und er wählt dafür das Mittel der Satire.

60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kommt es nahe Berlin in der brandenburgischen Provinz in einer geheimen Bunkeranlage der NS-Nomenklatura zu einer Krise. Vier als junge Männer Ende 1944 dort hinuntergestiegene SS-Gespenster haben als letzte Überlebende eines Krieges, der für sie niemals aufhörte, weil vergessen wurde, sie darüber zu informieren, ein Problem. Der letzte noch funktionierende Dosenöffner bricht. Die 80-jährigen Greise wagen sich also an die Oberfläche, um sich nach Berlin in den Sitz der Reichsführung SS vorzukämpfen und neue Befehle zu empfangen. Und sie erleben dort oben, wie man sagen muss, ihre braunen Wunder.

Deutschland scheint sich noch immer im Kampf gegen den russischen Vormarsch zu befinden - ja teilweise schon besetzt zu sein. Die Menschen leben in großer Armut, worauf billige Selbstbaumöbel in den Häusern schließen lassen, in die sie vordringen und Geiseln nehmen. Glatzköpfige russische Horden in Springerstiefeln und Bomberjacken durchstreifen die Dörfer. Die Landstraßen scheinen schwer umkämpft zu sein.

Blutzoll mit Teddybär

Einer der SS-Leute namens Fritz führt darüber penibel Tagebuchchronik: "Rechts und links der Straße zeugen etliche Holzkreuze vom erbitterten Kampf um jeden Meter Heimat. Manche sind mit frischen Blumen, andere mit verwelkten Kränzen oder nassen Teddybären geschmückt. Oft hat man Namen und Daten ins Holz geschnitzt: Vor allem junge Männer leisten noch immer tapfer ihren Blutzoll, die meisten kaum 20 Jahre alt. Offenbar ist es üblich, nur die Vornamen der jungen Helden zu ehren, um ihre Familien vor Terror und Rache der Besatzer zu schützen."

Als sich auch noch ein Fernsehteam und das BKA auf die Fersen der vier Nazis heften, weil sie zufällig auf einen Bus mit US-Austauschschülern geschossen haben, sie sich unvermittelt auf jämmer-lichen Neonazi-Veranstaltungen wiederfinden und ein Staatssekretär des Außenamtes ziemlich nervös wegen ihres Auftauchens wird, ist das Chaos perfekt.

Mit dem Mittel der Münchhausiade ist Hans Waal eine beißende, doch nie pietätlose Satire auf die deutsche Vergangenheitsbewältigung, auf Political Correctness und den alltäglichen Wahnsinn der Massenmedien gelungen. Die bewegt sich zwar oft sehr nahe an der Kolportage. Aber Hans Waal trägt sein Herz am rechten Fleck. Also links. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7./8.12.2008)

Hans Waal "Die Nachhut". € 20,50 / 332 Seiten. Plöttner Verlag, Leipzig, 2008.

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