Die Sehnsucht nach Nikotin

5. Dezember 2008, 18:56
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Warum Raucher so schwer aufhören können, selbst wenn sie wollten

Trafikanten kennen folgende Geschichte: Raucher, die sich ihre tägliche Dosis abholen und das Pech haben, eine Schachtel mit der Aufschrift "Rauchen kann zu Durchblutungsstörungen führen und verursacht Impotenz" erwischen, tauschen sie gerne um. "Rauchen verursacht Lungenkrebs" ist ihnen lieber. Die Anekdote trifft den Kern eines Problems, gegen den die Nichtraucherfront vergeblich Sturm läuft. Zwischen 1,3 und 1,6 Millionen Raucher gibt es in Österreich - dass Zigaretten ungesund sind, dass sie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkte, Schlaganfälle verursachen, Hautalterung fördern und Kindern schaden, ist ihnen bewusst. Es sind Tatsachen, die durch unzählige Studien eindeutig belegt sind. "Rauchen ist eine Sucht, und rationale Argumente greifen wenn, dann nur sehr langsam", erklärt Michael Musalek vom Anton-Proksch-Institut.

Inhaliertes Nikotin steht in seiner süchtig machenden Wirkung Kokain und Heroin um nichts nach, sagt der Suchtforscher. Seine Wirkung im Gehirn erforscht Matthäus Willeit von der Universitätsklinik für Psychiatrie der Med-Uni Wien. "Nikotin wirkt auf den Dopaminspiegel im Gehirn", erklärt er, und fatal daran ist, dass sich diese Liaison im Lernzentrum des Menschen ergibt. Die Dynamik dort ist eine Art körpereigenes Belohnungssystem, das sich bestimmte Zusammenhänge sehr schnell merken kann. Wer beispielsweise immer nach dem Kaffee eine Zigarette raucht, brennt sich das wie ein Muster ins Gehirn ein, "Sensitization" ist der Fachbegriff dafür, und bleibt die Belohnung aus, stellt sich "Craving", also ein tatsächlich als leidenschaftlich empfundenes Verlangen ein.

Dopamin-getrieben

"Den Wunsch nach einer Zigarette könnte man vereinfacht als vorbewusst bezeichnen,", erklärt Willeit, und erstaunlich daran ist, dass Dopamin per se nicht einmal eine speziell euphorisierende Wirkung hat. "Menschen mit Morbus Parkinson haben einen Dopaminmangel", erklärt Willeit. Die Symptome: erhöhter Muskeltonus, wenig Motivation, Zittern. Die gute Nachricht für Raucher: Sie haben ein statistisch signifikant vermindertes Risiko, an Morbus Parkinson zu erkranken. Bei Schizophrenie wiederum spielt ebenfalls Dopamin eine Rolle, Rauchen wird von Betroffenen als überaus erleichternd erlebt. "Bei Schizophrenie-Kranken vermindert Nikotin die krankheitsbedingten kognitiven Einschränkungen, zudem werden die Nebenwirkungen von Medikamenten reduziert", sagt Psychiater Johannes Wancata vom AKH.

Trotzdem versucht Wancata, auch Schizophrenie-Kranken Unterstützung beim Aufhören anzubieten, denn aus medizinischer Sicht ist Rauchen einfach durch nichts zu rechtfertigen. 90 Prozent aller Lungenkarzinome sind durch Rauchen verursacht. Starben 1983 noch 3167 Menschen an Bronchialkarzinomen, waren es 2005 bereits 3448. Die Anzahl der betroffenen Frauen hat sich in diesem Zeitraum von 649 auf 1031 erhöht. Der Grund: Seit den 70er-Jahren rauchen deutlich mehr Frauen als in der Generation davor. "Frauen sind für die Gifte im Tabakrauch empfindlicher als Männer", sagt der Lungenfacharzt Kurt Aigner von den Elisabethinen in Linz. Lungenkrebs ist nur eine Folge des Rauchens. Menschen, denen das Rauchen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung nichts ausmacht, seien sehr, sehr selten, so Aigner. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 06./07./08.12.2008)

 

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