Vermeintliche Kopie hat originale Schwester

28. November 2008, 18:54
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Laut Sotheby's sei "Abundantia" nur eine Kopie nach dem Original von Hans Makart. Ein Sammler vermutete das Gegenteil, kaufte und freut sich jetzt. Das Gegenstück zu seinem Gemälde wartet im Salzburg Museum

Wien/Amsterdam - "Ich fotografiere gerade den Mond", erklärt Ger Eenens, als der Standard ihn am Mobiltelefon erwischt. Ein beiläufiges Detail, das den 48jährigen niederländischen Abenteurer, Geschäftsmann und Kunstsammler Ger Eenens aber auch als genauen Beobachter auszeichnet. Diese Eigenschaft hat nun - zusammen mit einer guten Portion Neugierde und sportlicher Hartnäckigkeit - einem bisher blassen Schatz zu neuem Glanz verholfen.

Angefangen hat alles im September mit einer Limburger Eichentruhe aus dem frühen 15. Jahrhundert, die Eenens bei Sotheby's Amsterdam in Augenschein nehmen wollte. Letztendlich nahm aber ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, ein Trumm von 4,47 Meter Breite und 1,62 Höhe aus dem Inventar einer korsischen Villa, seinen Blick gefangen. "Eigentlich interessiere ich mich nur für Malerei des 17. Jahrhunderts", scheint Eenens, der eine beträchtliche Sammlung von Werken aus dem Rembrandt-Umkreis besitzt, noch heute über die faszinative Kraft des Gemäldes erstaunt: Laut Auktionshaus eine spiegelverkehrte Kopie von Hans Makarts Abundantia - Die Gaben der Erde, dessen auf 1870 datiertes Original im Musée d'Orsay in Paris hängt. Eine Kopie? Das wollte dem Sammler, der im April wieder einmal zum Nordpol aufbrechen wird, nicht in den Kopf. Er unternimmt einen Lokalaugenschein in Paris. Die Ähnlichkeiten von Motiv und Maßen waren frappierend, erzählt Eenens, Spiegelbildlichkeit war keine zu erkennen. Ein Trugschluss von Sotheby's? Ja. Eenens fand die Erklärung auf der Website des Musée d'Orsay: Man hatte den Makart irrtümlich seitenverkehrt digitalisiert.

Kopie oder Original

Eenens Glaube an das Original reifte also ebenso wie sein Entschluss, die Leinwand zu ersteigern. Er bat Freunde und Kunsthändler um Begutachtung; sie teilten seinen Eindruck. Letztendlich erhielt Eenens Ende September bei netto 16.000 Euro den Zuschlag für das mit 20-30.000 Euro anberaumte Gemälde. Andere Bieter hatten kaum Interesse gezeigt. Das Schnäppchen wäre im Echtheitsfall ein Vielfaches wert.

Kopie oder Original? Das sollten nun Experten beantworten. Die Amsterdamer Kunstdokumentationsstelle (RKD) verwies Eenens auf das Belvedere in Wien. Der dortige Kurator für das 19. Jahrhundert, Stephan Koja, war nach einer ersten Studie von Fotos der Abundantia, in der Mythologie die römische Göttin des Überflusses, begeistert. Mehr wollte er aber erst nach Begutachtung vor Ort verraten. Auf Bitte Eenens reiste er gemeinsam mit dem langjährigen Belvedere-Restaurator Erhard Stöbe nach Amsterdam. Nach stundenlanger Prüfung verstärkte sich ihre Vermutung, bei dem Gemälde könne es sich um einen ersten Entwurf Hans Makarts für ein - allerdings nie realisiertes - Deckengemälde im Palais Hoyos handeln. Mit erster Euphorie und einem kleinen Stück des Leinwandrandes reisten Koja und Stöbe zurück nach Wien.

Vieles spricht für ein Original; vergleichende Untersuchungen und Provenienzforschung täten not, bestätigt Koja dem Standard. Die für Kunsthistoriker typische Zurückhaltung kann derzeit nicht mit der Kommunikationsfreude des Sammlers Schritt halten. Eenens teilte seine Freude mit den lokalen Medien, wo man von Werten in der Größenordnung von einer halben Million Euro fabulierte. Basis war eine Quadratzentimeterformel, die den bisherigen Auktionsrekord auf die monumentale Größe der Abundantia hochrechnete.

Michael Kovacek, Kunsthändler und Experte "im Kinsky", winkt ab. Bestätigt sich die Echtheit, würde er den Schätzwert mit 150.000 bis 250.000 Euro ansetzen. Die Entscheidung trifft dann ohnedies der Markt. Der bisherige Rekord liegt bei etwas mehr als 261.000 Euro für ein 121 mal 79 cm großes Frauenporträt (Christie's, 2000). Nur ist dieses Motiv nicht mit der Abundantia vergleichbar. Kunsthistorisch ist sie von anderer Relevanz, entstand kurz nach Makarts Durchbruch mit den Modernen Amoretten 1868. Zu den Gemeinsamkeiten der Werke gehören der an japanische Lackarbeiten erinnernde Goldgrund sowie die gedämpfte und von typischem Makart-Rot akzentuierte Farbigkeit, das in dieser Kombination an Innenräume gotischer Kathedralen erinnert.

Gegenstück in Salzburg

Exakt dieses Rot könnte bei der endgültigen Identifizierung eine Rolle spielen: Makart verwendete keine der damals schon erhältlichen synthetischen Farben, sondern einen Krapp-Lack, den er etwas dunkler abmischte. Weitere Indizien könnten alte Restaurierungen liefern, auch jene, die bereits bei dem von Eenen erworbenen Gemälde nachweisbar sind und - Überraschung! - die mit Beschädigungen einer 1998 in London (für umgerechnet rund 11.000 Euro) versteigerten Abundantia übereinstimmen.

Christie's hatte das Gemälde damals Makart "zugeschrieben", Sotheby's stufte jetzt auf eine Kopie herab. Und, so stellte die Amsterdamer Niederlassung vergangene Woche klar, dabei bleibe man auch. Die Qualität der Malerei, argumentierte Experte Michiel Vliegenthart, würde ihn schlichtweg nicht überzeugen. Gerbert Frodl, Autor des Werkverzeichnisses von 1974 und damit der international anerkannte Makart-Experte, kontaktierte man gar nicht. Vorläufig. Vor zwei Tagen läutete beim pensionierten Direktor des Belvedere doch das Telefon. Sotheby's will das Bild nun nachträglich von ihm begutachten lassen. Fast wirkt es, als ob Frodl die fälschliche Zuordnung bestätigen soll.

Auf Anfrage des Standard argumentiert auch Frodl, er müsse das Bild im Original sehen. Er bittet um Verständnis, an manches könne er sich nicht erinnern, mehr als drei Jahrzehnte sind seit seinem Verfassen des Werkverzeichnisses vergangen. Nur so viel: Gerade von diesem Motiv gäbe es mehrere Fassungen und auch Kopien anderer Künstler. Bislang wird die eingangs erwähnte Fassung im Musée d'Orsay (bis 1973 im Louvre) zusammen mit dem Gegenstück Abundantia- Die Gaben des Meeres im Werkverzeichnis als erste Fassung dieses Themas geführt. Jetzt verdichten sich die Hinweise, dass die in Amsterdam versteigerte Abundantia - Die Gaben der Erde eine frühere Version sein könnten. Makart hätte sich hier an die spätere Fassung angenähert, vermutet Koja. Dafür würden nun authentisch erscheinende Übermalungen sprechen.

Das Gegenstück? Frodl ringt mit Erinnerungslücken, Koja springt in die Bresche und kontaktiert seinen Kollegen Nikolaus Schaffer. Seit wenigen Stunden steht fest, ja, das Salzburg Museum hütet das exakt gleich große Gegenstück in seinem Depot. Vor einigen Jahren hätte man es aus Privatbesitz erworben, aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes bei der Makart-Retrospektive 2007 aber nicht präsentiert. Koja und Schaffer sind sich einig, die beiden Gemälde müssen so schnell wie möglich zusammengeführt werden. An einen Verkauf denkt Eenens ohnedies nicht, vielmehr möchte er seinen Schatz in einem Museum als Dauerleihgabe wissen. Der Sammler denkt an New York, die österreichischen Kunsthistoriker hoffen auf Salzburg. (Anne Katrin Feßler, Olga Kronsteiner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.11.2008)

 

 

  • "Abundantia": 1998 bei Christie's Makart "zugeschrieben", 2008 bei
Sotheby's als Kopie versteigert. Experten vermuten Original. Foto:
Christie's
    foto: standard

    "Abundantia": 1998 bei Christie's Makart "zugeschrieben", 2008 bei Sotheby's als Kopie versteigert. Experten vermuten Original. Foto: Christie's

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