Aufregung um Lipizzaner: Gerüchte um schrittweise Schließung des Gestüts Piber

26. November 2008, 21:03
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Piber fahre mehr als zwei Millionen Euro Verlust pro Jahr ein - Elisabeth Gürtler: Bestand der Tiere muss minimiert werden - Lipizzaner-Ausbildung könnte in das Schloss Hof verlegt werden

Von schrittweiser Schließung des Lipizzanergestüts in Piber bis zur Verlagerung der Ausbildung ins niederösterreichische Schloss Hof ist die Rede. Hofreitschul-Chefin Gürtler dementiert – Von Walter Müller

Piber/Wien – Das Dementi kommt laut und energisch: "Nein, wir werden Piber nicht aufgeben. An den Gerüchten, dass Piber geschlossen werden soll, ist nichts wahr", sagt Elisabeth Gürtler, seit elf Monaten Chefin der Spanischen Hofreitschule und des Lipizzaner-Gestütes Piber in der Weststeiermark. Dann kommt ein großes Aber.

Herzstück Lipizzaneraufzucht

So einfach sei die Sache mit dem Herzstück der Lipizzaneraufzucht im steirischen Piber – mit seinen 70 Mitarbeitern und 250 Pferden – denn doch nicht. Es sei zwar "undenkbar", die Zucht, die nur hier unter den spezifischen klimatischen Bedingungen funktioniere, aufzugeben, aber man müsse "zur Kenntnis nehmen", dass Piber mehr als zwei Millionen Euro Verlust pro Jahr einfahre. Und dies könne in Zukunft nur durch Tourneen der Hofreitschule, die 2009 erstmals in größerer Dimension nach Deutschland geplant seien, kompensiert werden. Gürtler im Gespräch mit dem Standard: "Eines muss klar sein: Das Gestüt ist kein Aktivum und kann nicht Gewinn machen. Die Spanische Hofreitschule erwirtschaftet Gewinn, und damit decken wir ab, was in Piber an Kosten anfällt."

In der Branche wird daher kolportiert, dass Piber womöglich auf lange Sicht geschlossen werden könnte, wenn nicht die Defizite weiter von der Hofreitschule oder der öffentlichen Hand übernommen werden. Bereits sehr realistisch sei aber, dass die touristisch wichtige Ausbildungsschiene – die für das Publikum attraktive Grundausbildung der Tiere passiert in Piber – à la longue von der Steiermark abgezogen und ins niederösterreichische Schloss Hof verlegt werden könnte. "Dann hätte Piber zwar noch die Zucht, wäre touristisch aber tot", warnt eine Branchen- Insiderin.

Schloss Hof wie Piber defizitär

Schloss Hof gehört zur Marchfeldschlösser Revitalisierungs- und Betriebsgesellschaft, eine 100-Prozent-Tochter der Republik Österreich. Das Schloss ist wie Piber defizitär. Aufsichtsratsvorsitzender ist Ex-Schönbrunn-Direktor Helmut Pechlaner, der auch in der Hofreitschule engagiert ist.

Gürtler und auch der Wirtschaftsdirektor der Hofreitschule, Erwin Klissenbauer, stellen einen Abzug von Lipizzanern aus dem Gestüt Piber nach Schloss Hof in Abrede. Schloss Hof komme "überhaupt nicht in Frage", sagt Gürtler. Klissenbauer ergänzt: "Ich hab von einer solchen Variante überhaupt noch nie was gehört." Es stimme aber, dass zumindest die Hofreitschule neue Ausbildungsplätze suche, weil Wien zu eng werde. Nicht aber in Schloss Hof.

"Schloss Hof wäre ideal"

Dort vor Ort, im "kaiserlichen Festschloss Hof", stellt sich die Sache allerdings anders dar. Der kaufmännische Schloss-Leiter Josef Ebenbichler bestätigt auf Standard -Anfrage, dass bereits für 4. Dezember diesbezügliche Gespräche mit der Hofreitschul-Leitung über Kooperationen terminisiert seien. Ebenbichler: "Wenn Lipizzaner hier untergebracht werden, wäre das natürlich eine enorme Attraktivierung und Aufwertung unseres Standortes."

Schloss Hof böte sich "ideal an, mit seinen weiten Flächen, Stallungen, der Reithalle und dem Freigelände. Das Schloss sei "ja schon einmal ein k.u.k.-Reitinstitut" gewesen. Ebenbichler: "Die Infrastruktur ist jedenfalls vorhanden.Wir gehören ja irgendwie ohnehin zusammen und es bieten sich da Synergien an, die genutzt werden könnten. Wir sind auch nur 50 Minuten von der Wiener Innenstadt entfernt." Das Schloss Hof als touristische Publikumseinrichtung koste viel Geld und wäre mit den Lipizzanern in der Lage, wesentlich besser zu bilanzieren, zumal dann eine neue Attraktion vorhanden sei. Es wäre "jedenfalls absolut sinnvoll". Dem Vernehmen nach sollen für Schloss Hof auch bereits Ausbildner engagiert worden sein.

Eine gewisse "Ausdünnung" in Piber wird es laut Gürtler in jedem Fall geben. Aus Spargründen müsse der Bestand der Tiere minimiert werden. Gürtler: "Wenn ich 50 Pferde habe, kann ich nicht diese 50 drei Jahre lang durchfüttern. Ich muss früher darüber nachdenken, welche nicht groß werden oder welche Stuten ich von der Abstammung her nicht mehr brauche. Dann muss ich die jungen Pferde bereits als Einjährige verkaufen. Wir wollen heuer eine Auktion in der Hofreitschule machen, damit wir unnötige Pferde verkaufen und nicht über Jahre mitziehen."

"Kulturauftrag" Lipizzaner


Der Gestüts- und Ausbildungsleiter in Piber, Max Dobretsberger, kennt "all diese Gerüchte". Er glaube aber dennoch nicht, dass Piber heruntergefahren werden solle. Dobretsberger: "Piber ist unersetzlich und ich glaube nicht, dass jemand daran rüttelt. Natürlich kostet Zucht etwas, aber wir sind kein landwirtschaftlicher Produktionsbetrieb, der Geld lukriert, sondern ein Kulturbetrieb." Die traditionelle Aufgabe der Hofreitschule sei, beste Hengste zu züchten und die Lipizzaner-Rasse zu erhalten. Das sei ein "Kulturauftrag", sagt Dobretsberger: "Darüber müssen wir auch einmal diskutieren. Das muss uns alles schon etwas wert sein."

Er kenne "die Idee von Schloss Hof", sehe aber hinter den Plänen "noch nichts Konkretes". (Walter Müller, DER STANDARD – Printausgabe, 27.11.2008)

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    Aufregung herrscht über angebliche Pläne der Wiener Hofreitschule, die Ausbildung der Lipizzaner aus dem weststeirischen Bundesgestüt Piber ins niederösterreichische Schloss Hof zu übersiedeln

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