Leichnam des Ex-Premiers Sikorski exhumiert

25. November 2008, 15:17
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1943 verstorbener General wird gerichtsmedizinisch untersucht - Verdacht auf Anschlag seitens der Sowjetunion

Warschau - Der Leichnam des polnischen Premierministers während des Zweiten Weltkrieges, Wladyslaw Sikorski, ist am Dienstag exhumiert worden. Am Nachmittag wird er im Gerichtsmedizinischen Institut in Krakau untersucht. Die Staatsanwaltschaft des staatlichen "Instituts für das nationale Gedenken" (IPN) möchte feststellen, ob Sikorski 1943 bei einem Attentat oder - wie bisher angenommen wurde - bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam.

"Die Exhumierung hat große Bedeutung für die Ermittlungen", sagte der Direktor des IPN in Katowice (Kattowitz), Andrzej Drogon, am Dienstag vor Journalisten. Nach Ansicht von Experten werde eine DNA-Analyse ergeben, ob die menschlichen Überreste, die Polen vor 15 Jahren von Großbritannien übergeben wurden, überhaupt von Sikorski stammen. Außerdem ist eine Computertomographie und - falls der Leichnam mumifiziert ist - eine toxologische Untersuchung vorgesehen. So sei es unter Umständen auch möglich festzustellen, ob Sikorski erschossen wurde, erklärte der Historiker Wojciech Roszkowski gegenüber der Zeitung "Gazeta Wyborcza".

Attentatstheorie

General Wladyslaw Sikorski hatte die aus Polen evakuierten Truppen angeführt, die an der Seite der Alliierten gegen das nationalsozialistische Deutschland kämpften. Gleichzeitig war er Premier der Exil-Regierung in London. Nach Angaben von Großbritannien kam er am 4. Juli 1943 auf Gibraltar bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Einige polnische Historiker glauben jedoch an ein Attentat. Motive für so eine Tat hätte damals vor allem die Sowjetunion gehabt, da Sikorski für ein demokratisches Polen eintrat.

Eine Spezialfirma hatte die ganze Nacht von Montag auf Dienstag in der Krypta des Doms auf dem Wawel-Hügel in Warschau gearbeitet. Ein Kran wurde installiert, um den über zwei Tonnen schweren Sarkophag bis auf eine Höhe von 95 Zentimeter anzuheben. Der Holz-Sarg des Generals wird am Nachmittag in einem militärischen Zeremoniell aus dem Dom getragen. Die erneute Bestattung Sikorskis ist für Mittwoch vorgesehen, falls die Untersuchungen nicht länger dauern. "Wir wollen nicht den Fehler machen, uns übermäßig zu beeilen und dabei etwas zu übersehen", erklärte Drogon.

Kritiker der Exhumierung werfen dem IPN vor, die polnischen Beziehungen zu Großbritannien und zu Russland zu gefährden. Das IPN handle "übereifrig", sagte Jacek Tebinka, Historiker an der Universität Gdansk (Danzig), da an einem Flugzeugunglück als Todesursache kein Zweifel bestehe. (APA)

 

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