"Halt die Goschen, du Hure!"

24. November 2008, 19:22
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In Karin Bergers und Andrea Brems Dokumentation "Am Anfang war ich sehr verliebt" berichten Frauen von Liebe, ihren Gewalterfahrungen und einem Neubeginn im Frauenhaus – Buchtipp

"Fünfmal hat er mich geschlagen und mein Kind dazu. Einmal hat er zuerst mich erledigt, im Schlafzimmer, und dann ist er zu meinem Sohn ins Zimmer gelaufen, hat das Licht eingeschaltet und hat ihm Watschen gegeben. Dann hat er die Lampe genommen und auf seinem Kopf kaputt geschlagen. Und ich, ich weiß nicht, ich hab mich in so einer Panik gefühlt. Ich hab total Angst gehabt. Wenn ich nur gesehen habe, er ist ein bisschen nervös, hat mein ganzer Körper wie bei einer 70-jährigen Oma zu zittern begonnen. Ich hab nicht gewusst, werde ich heute schlafen, werde ich nicht schlafen, wie geht das überhaupt weiter? ...

Letztes Mal ... hat er mich im Auto geschlagen, er hat meinen Kopf an den Haaren runtergezogen und mir mit der rechten Hand mit der Faust zweimal voll ins Gesicht geschlagen. Ich hab gedacht, die Nase ist gebrochen, die Nase ist auf die Seite gestanden und die Augen haben überhaupt nicht gesehen, es war schwarz... Ich bin nie auf die Idee gekommen, zur Polizei zu gehen. Wäre ich gleich gegangen - ja. Aber am Anfang habe ich geglaubt, er wird sich beruhigen, es wird schon gehen.

Und dann hat er uns einmal um zwölf in der Nacht rausgeschmissen, meinen Sohn und mich, am 4. Oktober, mein Kind in der Unterhose und ich im Bademantel. Es war kalt, es hat geregnet, draußen war alles dreckig. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon heimlich eine Tasche gepackt, mit einem Minimum an Kleidung darin. Die Tasche ist im Vorraum gehängt und ich habe mich getraut, sie mitzunehmen. Mit dem Fuß hat er mir noch nachgetreten."

Zum Ort der Sicherheit

Dieser Bericht einer Frau steht exemplarisch für die vielen dramatischen, ja gruseligen Dokumente, die im Buch "Am Anfang war ich sehr verliebt. Frauen erzählen von Liebe, Gewalt und einem Neubeginn im Frauenhaus" zusammengestellt wurden. Sie alle haben nach jahrelangem, oft jahrzehntelangem Martyrium, das ihnen durch Ehemänner oder Lebensgefährten zugefügt worden ist, Zuflucht in einem Wiener Frauenhaus gefunden. Viele von ihnen konnten sich schwer verletzt, mit Hämatomen übersät und vergewaltigt, manche in Lebensgefahr, alle auf die eine oder andere Art physisch, psychisch oder doppelt geschunden und traumatisiert, in eine dieser Institutionen retten. Und für alle, so verdeutlichen ihre Berichte, wurde das Frauenhaus ein Ort der Sicherheit und des Zur-Ruhe-Kommens, des Kraftschöpfens und für viele auch der Beginn eines neuen Lebensabschnittes.

Die ganz persönlichen und zutiefst berührenden Texte der Frauen, die durch sehr einfühlsame und vorsichtige Interviews der Autorinnen zustande gekommen sind, belegen wieder einmal, dass der Slogan der Neuen Frauenbewegung - "Das Persönliche ist politisch" - besonders das Geschlechterverhältnis betreffend, leider noch immer traurige Gültigkeit besitzt. Der Machtanspruch des Mannes über Frauen und Kinder und seine Durchsetzung dieses Anspruches mit dem Mittel der Gewalt kennt weder nationale, noch bildungs - oder schichtspezifische Grenzen. Die hierarchische Ordnung des Mannes über die Frau erweist sich auch heute noch als strukturelle Gewalt, die weit über einzelne individuelle Geschichten hinaus reicht.

Dafür sprechen auch die offiziellen Zahlen eine überdeutliche Sprache: Jede vierte bis fünfte Frau in Österreich ist zumindest einmal in ihrem Leben von familiärer männlicher Gewalt betroffen. Laut Polizeistatistik ereignen sich österreichweit 85 Prozent der Morde im Familienkreis, die mehrheitlichen Opfer sind Frauen und Kinder. Ebenso wird anhand der Daten des Vereins der Wiener Frauenhäuser deutlich: 2007 wurden etwa 6.400 Beratungsgespräche geführt, 3.002 Frauen haben sich an die Selbsthilfe-Hotline gewandt. Und seit dem 30-jährigem Bestehen der Frauenhäuser haben etwa 11.000 Frauen und ihre Kinder Unterschlupf gefunden.

Gesellschaftspolitisch bedeutsam

Dieses Buch besitzt enorme Wichtigkeit. Endlich erhalten diese Frauen - und auch ihre Kinder kommen zu Wort - jenen öffentlichen Raum, der ihnen schon lange zugestanden wäre. Mit dem Bericht ihrer ganz persönlichen Realitäten tragen sie zur Wahrheit bei. Zum Wachrütteln einer Gesellschaft, die Geschlechterbeziehungen nur zu gern mit der rosaroten Brille sieht und auch in nächster Nachbarschaft wegschaut, wenn Frauen von ihren Männern geschlagen, psychisch gequält oder sonst wie verletzt werden. (dabu/dieStandard.at, 24.11.2008)

 

Karin Berger / Andrea Brem
"Am Anfang war ich sehr verliebt
Frauen erzählen von Liebe, Gewalt und einem Neubeginn im Frauenhaus"
Mandelbaum Verlag
224 Seiten
Euro 19.90
ISBN: 978385476-270-6

Frauenhäuser-Hotline
05 77 22

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    Foto: Mandelbaum Verlag
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