Subunternehmerblues

23. November 2008, 22:34
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Einbruch, Diebstahl, Sachbeschädigung und auch noch illegal im Land: Eine Ausländer- kriminalitätsgeschichte wie aus dem Lehrbuch

Es war am Samstag. Da fragte der Möbelhändler, ob es uns recht sei, wenn er das Möbelerklären kurz auf Pause schicken würde - und ob er uns stattdessen eine ganz andere Geschichte erzählen dürfe. Denn die Geschichte von den Baurabeitern, die ihre eigenen Kollegen entführt hatten, um von ihrem Chef den ihnen zustehenden Lohn zu erpressen (siehe „Ex-Arbeitskollegen entführt"), käme ihm fast vertraut vor. Dann verschwand der Möbelhändler in sein Büro und kam mit drei Tassen Tee zurück.

Es sei, schickte er voraus, natürlich keineswegs so, dass er es gutheißen wolle oder auch nur für akzeptabel halten könne, wenn irgendjemand irgendwen verschleppe. Oder misshandle. Aber wenn man so wie er einmal miterlebt habe, wie sich das Sub-, Subsub- und Subsubsubunternehmerprinzip auf jene, auswirke, die am untersten Ende dieser Kette stünden, werde man schon ein bisserl nachdenklich.

Dachausbau

Bei ihm im Haus, erzählte der Möbelhändler und zeigte mit seiner Teetasse in Richtung Plafond, habe man nämlich das Dachgeschoss ausgebaut: Tolle Lage mit City- und Fernblick. Wenn er es sich leisten könne, seufzte der Möbelhändler, würde er sofort hier kaufen. So aber habe er immerhin den Auftrag ergattert, ein oder zwei Appartements mit einzurichten. Und dort oben, sagte er, sei wirklich alles vom Feinsten. Böden, Fenster, Bäder - da habe man sich nicht lumpen lassen. Die neuen Bewohner wären - zu Recht - stolz auf ihre neuen, teuren Dachwohnungen.

Und für Außenstehende, setzte der Möbelhändler fort, war auch der Weg dorthin fast so schön, wie das Immobilienergebnis. Sicher: Ein bisserl Dreck und ein bisserl Lärm habe es gegeben - aber das sei nun mal so, wenn gebaut werde. Und das dauere ja auch nicht ewig.

Stutzig

Stutzig, sagte der Möbelhändler sei er aber eines Tages doch geworden: Da seien die Arbeiter völlig verdattert vor seinem Geschäft auf der Straße gestanden. Verzweifelt. Einer habe sogar geweint.

Der Greißler von nebenan habe seinen Angestellten zum Dolmetschen geschickt: Die Arbeiter seien Moldawier, erfuhr der Möbelhändler. Fachleute. Sie seien daheim requiriert worden. Man habe ihnen gesagt, alles wäre legal. Und man habe ihnen Unterkunft, Verpflegung und Transport zugesagt. Gegen einen kleinen Abschlag vom Lohn versteht sich.

Tresor

Und weil das Kellerloch, in dem sie untergebracht worden wären, nicht einmal eine versperrbare Tür gehabt habe, hätten sie Dokumente und Wertsachen bei ihrem Auftraggeber in den Tresor gelegt: Der Mann hätte vertrauenswürdig gewirkt. Schließlich habe er in den ersten Wochen nicht nur den Lohn, sondern auch Prämien ausgezahlt.

Doch bald sei das anders gelaufen. Geld gab es nur unregelmäßig und immer seltener. Die Verpflegung wurde mickrig. Manchmal entfiel sie ganz. Und der Chef redete sich immer öfter darauf aus, dass sein Auftraggeber Probleme mit dem Auftraggeber seines Auftraggebers habe. In Summe, glaubte der Möbelhändler herausgehört zu haben, dass da zwischen dem Errichter und den Arbeitern vier oder fünf Sub-Stufen eingezogen worden seien.

Versperrt

Nun sei plötzlich nichts und niemand mehr da. Kein Chef, kein Polier, keine anderen Arbeiter. Die Telefone des Chefs wären tot. Und der Aufgang zum Dachgeschoss sei plötzlich versperrt. Über Nacht habe man eine solide Tür eingebaut: Sie, die Moldawier, kämen nicht einmal zu ihren Werkzeugkisten. Und langsam dämmere es ihnen, erzählten sie dem Angestellten des Greißlers, dass sie wohl nicht nur billig, sondern zuletzt umsonst gearbeitet hätten.

Viel, sagte der Möbelhändler, habe er nicht tun können: Der Greißler und er hätten den Männern zu essen und zu trinken gegeben. Und ihnen erklärt, sie verstünden, dass sie ihr Werkzeug aus der versperrten Baustelle holen wollten - aber die Idee, die Tür einzutreten, sei vielleicht doch nicht so gut.

Polizei

Natürlich, erzählte der Möbelhändler, hätten die Männer sich nicht abhalten lassen. Und ebenso natürlich sei - obwohl von den Baustellenbetreibern weit und breit nichts zu sehen war - just in dem Augenblick die Polizei aufgetaucht, als die Moldawier die Tür ausgehebelt hatten. Die meisten Arbeiter seien aber entwischt.

Die Polizisten, betonte der Möbelhändler, hätten immerhin Verständnis gezeigt. Prinzipiell. Dennoch, hätten sie ihren Job zu machen: Einbruch, Sachbeschädigung, illegaler Aufenthalt - das bekannte Programm. Ließe man die Rahmenbedingungen weg, meinte der Möbelhändler, wäre das eine ideale Amtshandlung für das Kleinformat gewesen. Dann seufzte er - und ging frischen Tee holen.

Neue Arbeiter

Drei oder vier Tage später, erzählte er dann, sei der Baubetrieb wieder aufgenommen worden. Mit neuen Arbeitern. Er hätte, sagte der Möbelhändler, vorher nicht so genau geschaut - aber er habe das Gefühl gehabt, dass Chefs und Vorarbeiter die gleichen wie am Anfang gewesen seien.

Einmal seien dann der Architekt und ein Vertreter des Investors auf der Baustelle aufgetaucht. Er und der Greißler, erzählte der Möbelhändler, hätten die beiden distinguierten Herren nach den Moldawiern gefragt. Aber keine Antwort erhalten: Wenn Subunternehmer Subunternehmer anheuerten und die sich gegenseitig linkten oder in Konkurse schlitterten, könne man als hochseriöses Auftraggeberunternehmen da schließlich wirklich gar nichts dafür.

Klagbar

Der Möbelhändler und der Greißler, erwähnten die beiden Herren mit klingenden Namen, mögen doch in ihrem eigenen Interesse bedenken, dass jede Behauptung, dass das anders sein könne, ruf- und geschäftsschädigend sei. Und also - gerade in sensiblen Zeiten wie diesen - daher umgehend geklagt werde. Werden müsse. Und wenn sie das Wort „moderne Sklavenhaltung" noch einmal in Zusammenhang mit ihren Firmen oder Projekten hörten, würden sie umgehend schwere Geschütze auffahren.

Einige Tage später, erzählte der Möbelhändler, sei dann einer der gelinkten Arbeiter vorbei gekommen. Der Mann habe, erzählte der Möbelhändler, nicht gewusst, wo er sonst hin hätte sollen: Das Kellerloch, in dem er und seine Kollegen gehaust hatten, sei leergeräumt gewesen, als er sich zwei Tage nach der Flucht hingetraut habe.

Heimreise

Der Mann, erzählte der Möbelhändler, sei vollkommen mittellos gewesen und habe nur nach Hause gewollt. Er habe dem Mann, sagte der Möbelhändler, dann ein paar Scheine gegeben. Und keine Sekunde geglaubt, das Geld je wieder zu sehen. Das, sagte der Möbelhändler, sei nun rund sechs Wochen her.

Doch am Freitag, erzählte der Möbelhändler, habe er ein Kuvert im Briefkasten gefunden. Ohne Brief. Ohne Absender. Mit ausländischen Marken. Drin sei das Geld gewesen, das er dem Mann gegeben habe. Heute, am Samstag, habe er dann die Geschichte von den Kidnappern in der Zeitung gelesen. Und sich nur über die Wahl der Opfer gewundert. (Thomas Rottenberg/derStandard.at, 24.11.2008)

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