Nach Ungarn will jetzt auch Lettland Hilfe von IWF und EU

22. November 2008, 20:16
4 Postings

Aufschwung auf Pump des einstigen Tigers geplatzt

Stockholm - Mit Lettland beantragt nun das zweite EU-Mitgliedsland nach Ungarn eine finanzielle Nothilfe von der Europäische Kommission und dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Um für Finanzhilfen infrage zu kommen, habe der lettische Finanzminister bereits die Staatsausgaben gekürzt und damit die nötigen Vorbereitungen getroffen, erklärte die Regierung in Riga Ende vergangener Woche. "Wir haben uns dazu entschieden, offizielle Gespräche mit der Europäischen Kommission und dem IWF in die Wege zu leiten, damit sie uns finanziell bei der Stabilisierung unserer Wirtschaft helfen", sagte Ministerpräsident Ivars Godmanis.

In den vergangenen Wochen verschärfte sich die wirtschaftliche Lage des baltischen Landes dramatisch. Vor allem auch schwedische Banken, die stark im Baltikum engagiert sind, warnten vor einem Zusammenbruch der dortigen Wirtschaft. Wie seine baltischen Nachbarn Estland und Litauen leidet Lettland an der einbrechenden Konjunktur, der baltische Bankensektor hat ähnliche Probleme wie der isländische. Die Wirtschaftskraft der bevölkerungsarmen Länder ist begrenzt. Gleichzeitig erlebten die Anfang der 90er-Jahre von der Sowjetunion unabhängig gewordenen Staaten einen rasanten Wirtschaftsaufschwung mit zweistelligen Wachstums- und Inflationsraten.

Der jahrelange Aufschwung wurde vor allem mit Krediten finanziert. Seit die Kredite als Folge der Finanzkrise ausbleiben, brechen Wachstumszahlen, Immobilienpreise und die inländische Nachfrage zunehmend ein. Zugleich stiegen Inflation und Lohnniveau dramatisch an. Allein die Löhne stiegen 2007 um 30 Prozent an. Westliche Firmen wanderten als Folge in die Ukraine ab und immer mehr baltische Fachkräfte gingen nach Westeuropa.

Noch vor kurzem versuchte die lettische Regierung die Probleme herunterzuspielen. "Wir werden niemals eine Bank staatlich retten. Dafür haben wir kein Geld", sagte Godmanis noch im Frühherbst. Einen knappen Monat später musste er die zweitgrößte Bank des Landes, Parex, zwangsverstaatlichen. Die Bank litt an einen Milliardenkredit, dessen Zinskosten so weit in die Höhe geschossen waren, dass sie die Raten nicht mehr zahlen konnte. Für Lettland wurde es fast unmöglich, Auslandskredite zu bekommen. Unter diesen Prämissen gilt es auch als unsicher, inwieweit die Regierung ihr Versprechen halten wird, die an den Euro gekoppelte nationale Währung nicht abzuwerten.

Da Gerüchte über eine mögliche Abwertung des Lats nicht verstummen, geht die Sicherheitspolizei gegen jeden vor, der öffentlich eine Abwertung der Landeswährung anspricht oder zu Abhebung von Spargeldern auffordert. Ein Dozent der Uni Ventspils wurde zwei Tage lang wegen des Vorwurfs festgehalten, er habe mit seinen Aussagen das Finanzsystem destabilisiert. (André Anwar aus Stockholm, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2008)

Share if you care.