Geheimnisvolle Spuren im Schlick

21. November 2008, 18:31
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Vor wenigen Jahren entdeckte man am Meeresgrund riesige Einzeller - nun stießen Forscher auf Hinweise, dass diese Tiefseemurmeln namens Gromia sphaerica das "ultimative lebende Fossil" sein könnten

Washington - Der Wissenschaft waren die runden Wesen, die knapp vier Zentimeter Durchmesser erreichen können, bis zur Jahrtausendwende völlig unbekannt. Die ersten untersuchten Exemplare wurden während einer Forschungsfahrt vor der Küste Omans in Tiefen von 1200 bis 1630 Metern gefunden (vgl. "Deep-Sea Research II", Bd. 47, S. 55).

Die entdeckenden Zoologen stellten fest, dass es sich bei den seltsamen Tiefseemurmeln um riesige Einzeller aus der Klasse der Filosea handelt. Sie tauften die Art Gromia sphaerica. Wie man nach neuesten Untersuchungen vermutet, könnte G. sphaerica "das ultimative makroskopische lebende Fossil sein": direkte, praktisch unveränderte Nachkommen von Rieseneinzellern, die vor 1,8 Milliarden Jahren den Boden des Ozeans beherrschten.

Riesenzellen auf Reisen

Ursprünglich sprach man den Tieren eine weitgehend unbewegliche Lebensweise zu. Nur durch Strömungen oder Sedimentbewegungen, so die Meinung von Fachleuten, könnte Gromia den Ort wechseln. Doch das stimmt offenbar nicht. Bei einer Tauchfahrt nahe Little San Salvador Island (Bahamas) im Westatlantik stieß der Biologe Mikhail Matz von der University of Texas zusammen mit einigen Kollegen in 750 bis 780 Metern Wassertiefe auf zahlreiche Exemplare von G. sphaerica.

Und zu ihrer großen Verblüffung sahen die Forscher Spuren, die offensichtlich von den Riesenzellen im Bodenschlick gezogen wurden. Passives Rollen kann ausgeschlossen werden. Mehrere Gromia zogen ihre Bahn "bergauf" oder durch kleine Vertiefungen, und Wasserbewegungen kommen als treibende Kraft aus mehreren Gründen nicht infrage. Die Kugeltiere können sich also selbstständig bewegen.

Was vielleicht banal erscheinen mag, trägt eine erhebliche wissenschaftliche Brisanz in sich. Die Gromia-Spuren zeigen nämlich sehr starke Ähnlichkeit mit Furchen in versteinerten, bis zu 1,8 Milliarden Jahre alten Meeresböden. Solche Spuren-Fossilien wurden bereits in mehreren Lagerstätten gefunden. Sie gelten vielen Wissenschaftern als Beleg dafür, dass die ersten mehrzelligen Tierspezies bereits während des Präkambrischen Zeitalters entstanden sind.

Nur bilateral gebaute Wesen wie Würmer, Mollusken oder Nesseltiere, wie zum Beispiel kriechende Seeanemonen, wären nach Ansicht dieser Gelehrten in der Lage, Sedimente so zu durchpflügen. Eindeutig identifizierbare Körperfossilien der mutmaßlichen urzeitlichen Spurenzieher sind allerdings nicht bekannt.

Rätselhafte Fortbewegung

Nun aber sind die bewegungsfreudigen Einzeller von den Bahamas aufgetaucht und stellen die oben dargestellte Deutung infrage. "Unsere Beobachtungen machen plausibel, dass gewisse Präkambrische Protisten (Einzeller mit Zellkern) für zumindest einige der furchenartigen Spuren-Fossilien verantwortlich gewesen sein könnten", schreiben Mikhail Matz und Kollegen in einer aktuellen Online-Vorabveröffentlichung der Fachzeitschrift "Current Biology".

Wie sich Gromia fortbewegt, konnte indes noch nicht genau geklärt werden. Wahrscheinlich nutzen die Kugeltiere winzige Plasma-Tentakel. Diese strecken sich durch Poren aus ihrer organischen Innenschale hervor. Bewegungen konnten die Forscher vom U-Boot aus nicht direkt beobachten.

"Wir wollen dorthin zurück und die Fortbewegung mittels automatischen Zeitlupenkameras dokumentieren", erklärt Mikhail Matz gegenüber dem STANDARD. Vielleicht dauert es Wochen oder gar Monate, bis G. sphaerica eine Strecke von einigen Dezimetern zurückgelegt.

Aber auch langsam kommt man voran. Womöglich seit 1,8 Milliarden Jahren. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 11. 2008)

 

  • Diese Spuren in fast 800 Metern Meerestiefe geben Rätsel auf. Sie dürften vom urtümlichen Rieseneinzeller Gromia (unten) stammen - was von hoher evolutionsbiologischer Brisanz wäre.
    foto: sören jansen

    Diese Spuren in fast 800 Metern Meerestiefe geben Rätsel auf. Sie dürften vom urtümlichen Rieseneinzeller Gromia (unten) stammen - was von hoher evolutionsbiologischer Brisanz wäre.

  • Artikelbild
    foto: m. matz/noaa
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