Film über Atatürk erregt die Türkei

21. November 2008, 17:55
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Anzeige gegen Filmemacher – Kolumnist ruft zu Boykott des Films "Mustafa" auf

Man sieht die Figur im Profil oder von hinten. Er sitzt nachdenklich am Tisch, starrt vor sich hin und trinkt ein Glas Raki, den in der Türkei so populären Anisschnaps. Der Mann fühlt sich offenbar einsam. Er leidet und er wird bald sterben. Der Mann ist Mustafa Kemal Atatürk, über dessen Leben derzeit ein großes Dokudrama in allen Kinos der Türkei zu sehen ist. Der Film heißt schlicht "Mustafa" und deutet damit schon an, dass es darin weniger um den Staatsmann und ersten Präsidenten Atatürk, als vielmehr um die Privatperson geht.

In der Türkei schlagen die Emotionen hoch, als habe ein Anschlag auf das Allerheiligste des Landes stattgefunden. Angefangen vom kemalistischen Oppositionsführer Deniz Baykal, über führende Kolumnisten in Hürriyet, Vatan und anderen großen Blättern, wird der Filmemacher Can Dündar wahlweise als Verräter oder Denunziant beschimpft, der es wagt Atatürk als "hedonistischen Frauenheld" darzustellen, der, was aber mittlerweile jedes Schulkind weiß, zu mindestens gegen Ende seines Lebens mehr Raki getrunken hat als ihm guttat. Der Vorsitzende des Atatürk Vereins von Cankay in Ankara hat Strafanzeige gegen Dündar wegen Verunglimpfung des Andenkens von Atatürk gestellt.

Gegenentwurf zu Mohammed

Allein der Titel ist für gläubige Kemalisten eine Provokation. "Ich spreche nicht von "Mustafa" sondern von Mustafa Kemal Atatürk" , rief während eines Symposiums über "Die Türkei und die europäische Kultur" am Wochenende ein Politikprofessor ins Publikum und erntete damit Standing Ovations. In einem Land, in dem an jeder Ecke eine Atatürk-Statue steht, ist es immer noch ein ambitioniertes Unternehmen, den Übervater der Nation als einen Menschen mit Stärken und eben auch Schwächen darzustellen. Seit seinem frühen Tod 1938 nahm der Personenkult um Atatürk von Jahr zu Jahr zu. In der Auseinandersetzung mit den Islamisten, wird Atatürk mittlerweile als Gegenentwurf zum Propheten Mohammed gehandelt und die politische Doktrin des Kemalismus gerät zum Religionsersatz. "Wie konnte der Mann, der Zeit seines Lebens gegen Dogmen ankämpfte selbst zum Dogma werden?" , fragt sich der Autor des Fims, Can Dündar denn auch in der Zeitung Milliyet.

Doch die dogmatischen Kemalisten stehen längst mit dem Rücken zur Wand. Die islamische AKP betreibt, seit sie im Jahr 2002 an die Regierung kam, eine Historisierung, die die Türkei wieder als Erbe des Osmanischen Reiches darstellt und den Bruch, den Mustafa Kemal nach Gründung der Republik mit dem Erbe der Osmanen vollzog, als Irrtum abzutun versucht. Auch deshalb reagieren die Gralshüter des Kemalismus nun so allergisch auf den Film, weil er, von einem moderaten Kemalisten gemacht, angeblich den innenpolitischen Gegnern in die Hände arbeitet. Yigit Bulut, Kolumnist von Vatan ruft dazu auf, den Film zu boykottieren und auch Freunde von einem Kinobesuch abzuhalten. "Insbesondere erlaubt nicht euren Kindern den Film zu sehen damit ihr Sinn nicht von diesen Mustafa Bildern korrumpiert wird" . Doch diese Aufforderung wird massenhaft nicht befolgt. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2008)

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    "Mustafa" von Can Dündar zeigt den Privatmenschen.

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