"Groteske" Vorwürfe des Aufdeckers

17. November 2008, 18:43
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Ärzte und Pharma­in­dus­trie wehren sich gegen die Vorwürfe, die Hans Weiss im Buch "Korrupte Medizin" erhebt: Er ope­rie­re mit "Ver­all­ge­mei­ne­rungen" und einem überholten Berufsbild

Wien - Die Pharmabranche als "marketinggetriebene Industrie", die dank korrumpierbarer Ärzte ihren Gewinn maximiert: Dieses Bild zeichnet Autor Hans Weiss in seinem Buch "Korrupte Medizin - Ärzte als Komplizen der Konzerne" . Weiss hat für die Recherche eine Pharmareferentenprüfung abgelegt und sich in die Branche eingeschleust, außerdem enthält das Buch Vorwurfe gegen eine Reihe von österreichischen Spitzenmedizinern. Nachdem Details aus dem Buch bereits am Wochenende bekannt wurden, wehrten sich am Montag die Betroffenen.

"Null Toleranz" bei Ärzten

So wies Ärztekammer-Präsident Walter Dorner die "Unterstellung", seine Zunft sei von der Pharmaindustrie gekauft, als "grotesk" zurück. Er warnte vor einer "ungerechten Pauschalverurteilung" , stellte aber gleichzeitig klar, dass es für "schwarze Schafe null Toleranz gibt". Dorner verwies außerdem auf den Ehrenrat der Kammer, der entsprechenden Verdachtsmomenten nachgeht. Weiss solle solche beim Ehrenrat anzeigen, forderte ihn Dorner auf, anstatt das Thema mit "skandalisierenden Verallgemeinerungen abzuhandeln und damit einen gesamten Berufsstand zu diskreditieren".

Um Schadensbegrenzung ist auch der Rektor der Medizin-Uni Wien, Wolfgang Schütz, bemüht. Die Vorwürfe des Buchautors nennt er "in der Form antiquiert". "Vielleicht wurden vor 20 Jahren noch die Ehepartner auf Kongresse mit eingeladen und es gab Geschenke", sagt der Rektor im Gespräch mit dem STANDARD, "auch durch den medialen Druck hat sich der ethische Bereich hier stark gewandelt." Anfang Oktober hat die Wiener Medizin-Uni ihre diesbezüglichen Regeln verschärft. Es gelten Antikorruptionsrichtlinien. Wird dagegen verstoßen, drohen strafrechtliche Konsequenzen.

Forschung sei teuer, "ohne pharmazeutische Unternehmen wäre medizinischer Fortschritt nicht denkbar", sagt Beat Kasper, Geschäftsführer von Roche Österreich. Der Schweizer Konzern gibt täglich rund 14 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus. Roche gehöre - das hätten, sagt Kasper, unabhängige Studien ergeben - zu den Top 10 aller Forscher der Welt. Habe 1975 das Entwickeln eines Arzneimittels durchschnittlich noch 178 Millionen Dollar gekostet, würden die Ausgaben heute bei 1,32 Milliarden liegen, erklärt Kaspar, und: Nur eines von 10.000 Forschungsprojekten wird überhaupt zum Medikament.

Harsch reagierte der Generalsekretär der Pharmig (Verband der pharmazeutischen Industrie), Jan Oliver Huber, auf Weiss' Buch: Er sprach von einer "Scheininnovation". Der Autor habe es geschafft, sein Werk rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft zu platzieren und "möchte selbst gerne mit dem Thema Gesundheit eine Menge Geld verdienen".

Strenge Regeln

Nicht nur die Ärzte und Pharmafirmen wehren sich gegen die Vorwürfe von Buchautor Weiss. Walter Schober sieht seinen Berufsstand diskreditiert. Schober ist Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Pharmareferenten in Österreich. Ob Weiss, der für seine Recherche die entsprechende Ausbildung gemacht hat, ein authentisches Bild vom Leben eines Pharmareferenten zeichnet? Walter Schober sagt Nein. In Österreich unterliege man strengsten Regeln, wer sich nicht daran halte, werde bestraft. Unlautere Praktiken - etwa das Verschenken von Medikamentenmusterpackungen an Ärzte - wären unmöglich.

Ärzte müssen Proben verlangen und schriftlich deren Erhalt bestätigen, die Zahl der Musterpackungen ist etwa bei Medikamentenneueinführungen mit 30 im ersten Jahr limitiert. Pharmareferenten in Österreich hätten, entgegen Weiss' Darstellungen, auch keine Datenbanken, die ausweisen, welcher Arzt welche Medikamente verschreibt, die Daten seien nach Bezirken eingeteilt. Der im Buch geschilderte Tag eines Pharmareferenten sei ihm, Schober, jedenfalls in seiner 35-jährigen Karriere niemals so passiert, obwohl er bis zu 800 Ärzte pro Jahr besucht hat. (hei, pm, pok/DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2008)

  • Undercover-Recherche über die Verflechtungen zwischen Ärzten und Pharma: Hans Weiss' Buch ärgert die Branche.
    foto: standard/cremer

    Undercover-Recherche über die Verflechtungen zwischen Ärzten und Pharma: Hans Weiss' Buch ärgert die Branche.

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