Rundschau: Turm zu Babel, Dachetage

    20. Dezember 2008, 16:04
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    "Blutmusik", "Battle Royale", "Der Name des Windes", "Die Zwerge von Amboss" sowie Bücher von John Ajvide Lindqvist, Ralf Isau und dem großen Ted Chiang

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    coverfoto: tor books

    Ted Chiang: "Stories Of Your Life And Others"

    Gebundene Ausgabe, 333 Seiten, Tor Books 2002.

    Es ist verblüffend, dass sich die Verlage noch nicht darum geprügelt haben, Ted Chiang ins Deutsche zu übersetzen - immerhin gehört der Computerwissenschafter aus den USA zum mit Abstand Besten, was der Phantastikmarkt in den vergangenen Jahrzehnten zu bieten hatte. Chiangs Output ist zwar extrem schmal - nur zehn Kurzgeschichten seit 1990(!), acht davon in diesem Band versammelt -, hat es aber in sich. 1990 gewann er für seine Erstpublikation "Tower of Babylon" den Hugo Award, 1998 für das nach längerer Schaffenspause erschienene "Story of Your Life" erneut. "Hell is the Absence of God" erhielt 2001 Hugo und Nebula, und als im folgenden Jahr "Liking What You See" schon wieder nominiert wurde, verzichtete Chiang freiwillig. Aus einer neuerlichen Schaffenspause kehrte er 2007 mit "The Merchant and the Alchemist's Gate" zurück ... und das räumte heuer prompt erneut Hugo und Nebula ab. Ein Phänomen.

    Chiang schreibt in einem wunderbar präzisen Stil Geschichten, die stets von einem konkreten Grundgedanken ausgehen - oft einem wissenschaftlichen Lehrsatz wie etwa dem Fermatschen Prinzip, aber gerne auch von verworfenen Postulaten aus der Wissenschaftsgeschichte oder Glaubensdogmen ... und diese Grundidee wird dann bis zur letzen Konsequenz weitergedacht. Besonders schön illustriert dies "Liking What You See: A Documentary". Darin geht es um eine fiktive Weiterführung der Political Correctness, die sich an amerikanischen Colleges verbreitet: Calliagnosia, eine durch neuronalen Eingriff künstlich herbeigeführte Unfähigkeit, Gesichter ästhetisch zu bewerten. Zwar können individuelle Gesichtszüge uneingeschränkt identifiziert - doch nicht mehr als "schön" oder "hässlich" assoziiert werden; Diskriminierung in Form von lookism ist unmöglich. Vor dem Hintergrund einer möglichen verpflichtenden Einführung von "Calli" handelt Chiang anhand von Interview-Statements der BefürworterInnen und GegnerInnen alle denkbaren Aspekte des Themas ab. - Ähnlich konsequent "Understand", das ein altes SF-Motiv aufgreift: Durch Hormonbehandlung wird die Intelligenz des Protagonisten Leon bis in übermenschliche Bereiche gesteigert - Chiang geht dabei das Wagnis ein, den Prozess aus Leons Ich-Perspektive zu schildern, und bleibt doch erschreckend glaubhaft.

    In "Division by Zero" verzweifelt eine Mathematikerin daran, dass sie eine komplizierte aber wasserdichte Gleichung entwickelt, die unwiderlegbar beweist, dass 1 = 2 ist bzw. jede Zahl mit jeder beliebigen anderen gleichgesetzt werden kann. Die Arithmetik ist also in sich widersprüchlich - und die Mathematik somit im menschlichen Alltag ganz nützlich, als vermeintliches Fundament des Universums aber untauglich. In "Story Of Your Life" wiederum - einer Sprachreflexion ganz im Sinne Samuel R. Delanys -  verändert sich die gesamte Zeitwahrnehmung einer Linguistin, als sie mit einer Alien-Sprache konfrontiert wird, die nicht auf sequentiellem, sondern auf teleologischem Denken beruht. Und "Seventy-Two Letters" führt gleich zwei Ideen zusammen: Die alchemistische Vorstellung von der Möglichkeit, Objekte durch Kenntnis ihres "wahren Namens" zu beeinflussen, und den Präformationismus, demzufolge z. B. menschliche Eizellen nicht von Spermien befruchtet werden, sondern von winzigen Homunculi, welche seit Anbeginn der Schöpfung  - in immer kleineren Dimensionen - bereits im Körper der jeweiligen Vorgängergeneration enthalten sind. Bei immer stärkerer Mikroskopleistung könnte man demzufolge mit einem Blick ins Körperinnere bis ans Ende der Schöpfung sehen ... Chiang begnügt sich aber nicht damit, eine Welt mit anderem Quellcode als die unsere zu schildern, sondern fokussiert auf die sozialen Auswirkungen der hier gültigen Wissenschaften auf die gerade stattfindende industrielle Revolution.

    Die Grenzen zur Fantasy verschwimmen in den Geschichten mit religiösem Bezug: In "Tower of Babylon" baut die ultimative Hydraulische Gesellschaft ihren Turm tatsächlich bis in den Himmel. Hillalum und seine Gruppe von Bergleuten machen sich auf den monatelangen Aufstieg, um jenseits der Bahnen von Sonne, Mond und Sternkugeln das Himmelsgewölbe zum Wohnsitz Jahwes aufzubrechen. Dort werden wir erfahren, dass Hillalums Welt anders konstruiert ist als die unsere - und doch weisen beide eine entscheidende kosmologische Gemeinsamkeit auf. Und einmal mehr schlägt man eine Chiang-Geschichte mit dem Gefühl zu, eine Wahrheit erkannt zu haben. - "Hell is the Absence of God" schließlich nimmt ebenfalls die Bibel wörtlich: In Form einer Parallelwelt, in der Engel wie Naturkatastrophen auftreten, bei deren Erscheinen sich Wunderheilungen und Todesfälle die Waage halten. Die Welt eines zutiefst unberechenbaren und ungerechten Gottes, der dennoch bedingungslose Liebe verlangt - auch vom Protagonisten Neil, dem als modernem Hiob noch grausamer mitgespielt wird als seinem alttestamentarischen Vorbild. Visionen der Hölle demonstrieren den Menschen, was sie erwartet, wenn sie diese Liebe nicht erbringen können: Eine recht normale Weiterführung des Diesseits - doch in einer Sphäre, in der die Anwesenheit Gottes nicht mehr spürbar ist ... jedem sei selbst überlassen, ob er dies als erschreckend oder eher beruhigend empfindet. Wie schon die gefallenen Engel verkünden, die Neils Welt ebenfalls gelegentlich passieren (ohne Schaden oder Wunder zu bewirken): Decide for yourselves. That is what we did. We advise you to do the same.

    "Stories Of Your Life And Others" ist in der Zwischenzeit auch in zwei verschiedenen Paperback-Editionen erschienen: kostengünstiger, wenn auch räudiger in der Aufmachung. Die 2008 doppelt ausgezeichnete Kurzgeschichte "The Merchant and the Alchemist's Gate", die noch nicht in der Sammlung enthalten ist, können sich alle die als Schmuckband bestellen, die es nicht stört, wenn sie einen Preis von mehr als drei Dollar pro Textseite hinblättern. Aber wofür gibt's denn Anthologien ... was uns gleich zum nächsten Tipp führt:

     

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