"Dann hätten wir bald viele Würstelstand-Literaten"

19. November 2008, 18:43
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Schriftstellerin Julya Rabinowich über ihre Abneigung gegen den Begriff "MigrantInnen-Literatur"

"Meine Augen bis dahin nach hinten, nach Russland gewandt, bekommen einen neuen Blickwinkel hinzu. Es ist für alle weit, aber für manche noch weiter", schreibt Julya Rabinowich, Schriftstellerin und Malerin mit russischen Wurzeln, in ihrem ersten Buch "Spaltkopf". Mit derStandard.at sprach sie über Entwurzelung, Umtopfung und das Malen mit Worten.

derStandard.at: Wovon handelt Ihr Debütroman Spaltkopf?

Julya Rabinowich: Auf einer Ebene geht es um die Entwurzelung einer jüdischen Familie und deren Umtopfung, Zerfall und Neudefinition. Der Migrationsprozess ist allerdings nicht der einzige Konflikt, den diese Familie zu bewältigen hat. Da gibt es Mitgebrachtes und Neugewonnenes. Manchen Dingen entkommt man mit einem Ortswechsel nicht. Auf der anderen Ebene geht es um den Konflikt mit einer Identität, die man noch nicht kennt, nicht mehr kennen will. Auf einer dritten Ebene geht es um Verdrängung, Verdrängungsmechanismen und Folgen der Verdrängung. Und alle drei Themen sind natürlich miteinander untrennbar verbunden.

derStandard.at: Das ist zwar ihr erster Roman, aber sie waren schon vorher als Schriftstellerin tätig. Was waren die wichtigsten Stationen für Sie?

Rabinowich: Ich habe bislang fünf Dramen geschrieben, davon sind drei aufgeführt worden. Das war "Nach der Grenze" im WUK, "Romeo +- Julia" im Schauspielhaus und "Orpheus im Nestroyhof" im Nestroyhof. Abgesehen davon wurde mein Stück "Tagfinsternis" publiziert, aber noch nicht aufgeführt, was sich hoffentlich bald ändert.

derStandard.at: Sind Sie im Moment auch noch als Malerin tätig?

Rabinowich: Ich habe auf der Angewandten Malerei studiert und lange Zeit ausschließlich nur gemalt und habe erst 2003 zu schreiben begonnen.

derStandard.at: Denken Sie, dass Sie die Malerei beim Schreiben beeinflusst? Viele Schriftsteller, die eine musikalische Ausbildung haben, erwähnen immer wieder, welchen Einfluss das auf ihre Kunst hat.

Rabinowich: Ich denke doch. Ich bin ein sehr visueller Mensch. Ich schreibe, was ich sehe. Früher habe ich mit Farben gemalt, jetzt mit Worten.

derStandard.at: Sie haben sich selbst einmal als entwurzelt und umgetopft beschrieben, in Spaltkopf schreiben Sie "ich bin eine Promenadenmischung". Schöpfen Sie da auch aus eigenen Gefühlen und Erfahrungen?

Rabinowich: Natürlich schöpfe ich aus meinen Erfahrungen. Auch im Sinne der Authentizität. Es wäre wirklich schade, diesen Pool an Erlebnissen links liegen zu lassen. Auch wenn man sich natürlich weiter von sich hin zum Anderen bewegt: ein gewisser Anteil ist immer dabei. Man wiederholt ja seine traumatischen Erlebnisse gern (lacht).

derStandard.at: In Spaltkopf heißt es: "Wenn ich die Wahl zwischen zwei Stühlen habe, wähle ich das Nagelbrett". Was meinen Sie damit?

Rabinowich: Wenn man die Möglichkeit hat, sich dazwischen zu positionieren und keinen fixen Platz zu haben und man womöglich noch neurotisch genug ist, um sich das möglichst schmerzhaft zu gestalten, kann sich daraus auch ein Vorteil ergeben.

derStandard.at: Zum Thema Sprache. Sie schreiben in Deutsch, aber Russisch ist ihre Muttersprache. Bietet das für sie Vorteile - zum Beispiel eine andere Sicht auf die Sprache?

Rabinowich: Ich glaube schon. Aber da ich nicht von Anfang an Deutsch gesprochen habe, ist es schwierig für mich einzuschätzen, inwiefern sich das unterscheidet. Ich weiß, dass ich einen anderen Blick habe. Russisch ist mir quasi in die Wiege gelegt worden. Deutsch habe ich mir erkämpft.

Ich habe ursprünglich nicht Deutsch in der Schule gelernt, sondern anhand von alten Büchern, die wir gehabt haben: Das war "Der Goldne Topf" von E. T. A. Hoffmann. Der schreibt natürlich furchtbar antiquarisch. Das heißt, mein erster Bezug zu Deutsch war äußerst altertümlich. Ich glaube, dass sich das durchaus in meiner Art zu schreiben widerspiegelt - auf eine ironische Art und Weise.

derStandard.at: Der Begriff MigrantInnen-Literatur wird ja schon inflationär von JournalistInnen verwendet. Denken Sie, dass er legitim ist? Fühlen Sie sich mit der Bezeichnung wohl?

Rabinowich: Ich sehe das so: bei sehr strengen Auslegung des Begriffs Migranten-Literatur wären wir sehr schnell auch beim Begriff der Würstelstand-Literatur, wenn der besprochene Schriftsteller, bevor er zu schreiben anfing, dort gearbeitet hat. Dann hätten wir bald viele Würstelstand- und Kaffeehausliteraten. Man kann Arzt, Popsternchen, Strassenkehrer, Hausfrau, sogar Psychopath gewesen sein, bevor man zu schreiben begann: dieses Faktum wird niemand interessieren. Niemand sonst wird nur nach seiner Herkunft eingeschätzt.
Ich würde mir wünschen, wenn mit absolut gleichem Maß gemessen würde: Weder zu positiv, noch negativ.

derStandard.at: In der österreichischen Politik geht die Tendenz dazu, die Integration als einen Prozess anzusehen, der irgendwann abgeschlossen ist, am besten mit dem Erlernen der Sprache. Wie sehen Sie das: Fühlen Sie sich schon "angekommen"?

Rabinowich: In meinem Buch gibt es da einen Satz dazu, der das gut umreißt: "Ich bin nicht daheim, ich bin angekommen." Daheim ist so eine Sache. Daheim würde ich mich in Russland schon gar nicht fühlen. Aber es ist schon so, dass ich mich auch in Österreich nicht 100 Prozent daheim fühle. Das liegt aber nicht an dem Land, oder dessen Bereitschaft mich aufzunehmen. Im Gegenteil, da habe ich sehr positive Erfahrungen gemacht.

Ich war aber auch als "Exote"gekommen und nicht in der Masse. Das heißt ich war ein interessanter neuer Baustein, weil wir wenige waren. Ich denke nur, dass diese Entwurzelung, mir die Möglichkeit genommen hat, mich innerlich noch einmal fix wo niederzulassen. In der Sprache allerdings fühle ich mich sowohl angekommen als auch daheim. (Julia Schilly, derStandard.at, 19.11. 2008)

Termin

Julya Rabinowich liest aus ihrem Debütroman

Zeit: Freitag, 21. November um 12:45 Uhr

Ort: Messeplatz 1, 1021 wien

Information

Julya Rabinowich: "Spaltkopf"
edition exil, wien, oktober 2008
isbn: 978-3-901899-33-1

Das Buch kann im Büro des Verein Exil (Amerlinghaus, Stiftgasse 8, 1070 Wien, Öffnungszeiten Montag bis Freitag 16 bis 22 Uhr) gekauft oder über die Website per Postversand bestellt werden.

Verein Exil

  • "Russisch ist mir quasi in die Wiege gelegt worden. Deutsch habe ich mir erkämpft", sagt Schriftstellerin Julya Rabinowich
    foto: markus wörgötter

    "Russisch ist mir quasi in die Wiege gelegt worden. Deutsch habe ich mir erkämpft", sagt Schriftstellerin Julya Rabinowich

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