"Wolke 9": Keine putzigen alten Herrschaften mit Hütchen

15. November 2008, 20:00
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Andreas Dresens "Wolke 9" erzählt eine "frohe Botschaft über die Liebe, die nicht aufhört, bis wir tot sind"

Wien - Es beginnt ohne Vorwarnung, ganz unvermittelt. Und dann ist Inge, eine gestandene, gebundene Frau, plötzlich bis über beide Ohren verliebt. Dabei ist Inge nicht nur verheiratet, sie hat auch schon zwei Enkelkinder: Inge ist Ende 60 und Klaus, in den sie sich leidenschaftlich verliebt und mit dem sie auch ganz physisch Liebe macht, ist 76.

Wolke 9 heißt Andreas Dresens aktueller Kinofilm, der diese Liebesgeschichte recht realitätsnah mit schönen und bitteren Konsequenzen ausführt. Und der mit seinem eigentlich so selbstverständlichen Thema zugleich auch auf eine große Leerstelle verweist:

Er habe sich, sagt der deutsche Film- und Theaterregisseur, selbst Jahrgang 1963, mehr und mehr über die Verniedlichung der Alten in Kino und Gesellschaft geärgert, über deren Darstellung als "putzige alte Herrschaften mit Hütchen - man darf noch Händchen halten vielleicht. Wirkliche Liebe und Leidenschaft kommt nicht vor, da traut man sich nicht dran. Ich dachte, vielleicht kann man auch noch anders über Liebe im Alter erzählen als in Sepiafarben und mit dieser falschen kleisternden Pianomusik."

Entwickelt hat Dresen seinen Film gemeinsam mit jener kleinen siebenköpfigen "Filmfamilie", mit der er 2001 bereits Halbe Treppe gedreht hat. Vorher hatten bereits Dresens Wunschbesetzungen, Ursula Werner, Horst Rehberg und Horst Westphal, zugesagt. Von deren Bereitschaft, sich auf das Improvisationsspiel ohne vorgeschriebene Dialoge und vor allem mit ganzem Körpereinsatz einzulassen, hing das Filmprojekt schließlich ursächlich ab:

"Wir zeigen Sex so, wie wir das auch mit jüngeren Schauspielern zeigen würden. Und auch da würden wir jede Form von Voyeurismus vermeiden und versuchen, eine Selbstverständlichkeit für diese Szenen zu finden. Eine Natürlichkeit, wo man durchaus zeigt, dass man beim Sex nicht immer gut aussieht - wenn man zum Beispiel im Liegen noch versucht, sich die Hose auszuziehen. Dass es auch Humor beim Sex gibt, nicht nur diese Walle-Walle-Bettlaken und warmes Kunstlicht."

Belohnt wird das Unternehmen nun nicht zuletzt mit einem großen Publikumszuspruch, der selbst den Regisseur verblüfft: "In Münster saß beim Publikumsgespräch in der ersten Reihe ein Ehepaar, ein kleiner Mann, vielleicht Ende siebzig, mit seiner Frau, und nach dem Gespräch kamen sie zu mir. Er sagte: ,Na ja, das ist ja schön, dass es auch mal einen Film gibt, der für uns gemacht ist. Ich bin mit meiner Frau jetzt fünfzig Jahre verheiratet, und jetzt gehen wir nach Hause und machen uns einen richtig schönen Abend. Vielen Dank!'" (Isabella Reicher / DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.11.2008)

 

 

  • Ohne Altersbeschränkung: Ursula Werner und Horst Westphal als Frischverliebte in "Wolke 9".
    foto: senator

    Ohne Altersbeschränkung: Ursula Werner und Horst Westphal als Frischverliebte in "Wolke 9".

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